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Residenztheater:Klick über den Tellerrand

Finsternis, Zoom-Premiere am Residenztheater mit Robert Dölle

Es geht ans Eingemachte: Robert Dölle erzählt im Monolog "Finsternis" von den Flüchtlingen und Rettern im Mittelmeer.

(Foto: Residenztheater)

Davide Enia erzählt in "Finsternis" von den Flüchtlingen auf Lampedusa: ein Monolog mit Robert Dölle über Zoom

Von Yvonne Poppek

Die Küche ist das Herz jeder Wohnung. Das Essen ist nah, es ist warm, das ist gut für das Wohlgefühl. Wen man dorthin einlädt, der hat die distanziertere Platzierung am Esstisch überwunden, darf eintreten in diese Zone der Vertrautheit. In der Küche wird reiner Wein eingeschenkt, es geht, um im Bild zubleiben, ans Eingemachte. Wo also sonst ließe sich ein Monolog besser inszenieren, in dem jemand von Erlebnissen erzählt, die ihm beinahe traumatisch nahe gehen? Und wo wäre der Kontrast zwischen einer zehn Meter hohen, tödlichen Welle im kalten Mittelmeer und der Geborgenheit eines Innenraums größer?

Regisseurin Nora Schlocker hat sich bei ihrer Inszenierung von Davide Enias Monolog "Finsternis" am Residenztheater für diesen Raum entschieden. Rosanna König und Jonas Vogt haben ihn eingerichtet: Küchenzeile, Kühlschrank, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Bullaugen-großes Fenster und jede Menge Orangen. Für eine knappe Stunde ist es der Schauplatz für Robert Dölle, der hier das Kunststück vollzieht, erschütternde Sätze nicht zusätzlich pathetisch aufzuladen, sie zu sprechen, wie er auch über weit weniger Aufwühlendes reden würde. Er tropft die Informationen löffelweise in das Bewusstsein seiner Zuschauer - so wie die Orangenmarmelade, die er parallel einkocht, in die bereitstehenden Einweckgläser.

"Finsternis" beruht auf Enias Romanbericht "Schiffbruch vor Lampedusa", die italienische Stückfassung stammt vom Autor selbst, der damit auch auf der Bühne steht. Enia hat für seinen Roman die Insel Lampedusa bereist, war bei den sogenannten Anlandungen der Flüchtlinge dabei, hat mit ihnen gesprochen, mit den Helfern und Rettern. Er erzählt vom Rettungstaucher, der sich entscheiden muss, ob er den drei Menschen hilft, die vor ihm ertrinken, oder einer Mutter mit ihrem Kind fünf Meter weiter. Des Retters Hilfe ist Rechnen: "Drei Leben sind ein Leben mehr." Enia schreibt von den Toten, die angeschwemmt werden, von der Pathologin, die sie obduziert, von Folterungen und Flucht. Und Enia schreibt von seinem Vater, der ihn stumm auf seiner Reise begleitet, und von seinem geliebten, todkranken und sterbenden Onkel Beppe.

Für eine Inszenierung auf der Bühne hat Enia "jede Verwendung von Fotos, Videos oder Tonaufzeichnungen, die den Text illustrieren sollen," untersagt, alles soll auf der Bühne geschehen. Das gilt auch für die Residenztheater-Premiere, die nun im Netz stattfinden musste, als Zoom-Übertragung für einen kleinen Kreis an Zuschauern. Schlocker hat ihre Inszenierung an dieses Netzformat angepasst. Dabei reichen ihr in der Küchenenge zwei Kameras, in die Dölle wechselweise hineinspricht. Ganz so, als wäre der Zuschauer Gast. So nimmt das Politische blitzschnell im Privaten Platz. Ob das auch auf der Bühne funktioniert, wo diese Inszenierung irgendwann einmal gezeigt werden soll, sei dahingestellt, im leeren Raum gelten andere Gesetze. Aber so sitzt man daheim am Bildschirm im Trockenen und schämt sich.

Und das ist gut so. Auf diese Weise holt das Residenztheater ein Thema hervor, das von der Corona-Krise überspült wurde. Das ist im Sinne des Autors, der mit Roman und Stück auf das Sterben im Mittelmeer aufmerksam machen will. "Shame on Europe", sagt Davide Enia nach der Premiere. Er gehört am Samstag zu den Zuschauern. Nach jeder Aufführung ist ein Publikumsgespräch geplant, was den doch arg beschränkten Zoom-Teilnehmerkreis erklären könnte. Das ist sicher ein angemessenes Konzept, der Abend hinterlässt naturgemäß Unbehagen. Aber nicht nur allein wegen Lampedusa und der Flüchtlinge. Sondern auch, weil die Oberfläche eines Bildschirms alles doch ein Stück zu glatt zieht, alles ein wenig hochglanzpolierter und distanzierter werden lässt. Man wünscht sich, Robert Dölle auf einer leeren Bühne zu erleben, die Auseinandersetzung spüren zu können. Ach ja. Solange dies aber nicht möglich ist, wird man mit ihm am Küchentisch Platz nehmen dürfen.

© SZ vom 22.02.2021
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