Zwischen Welten:Als Rote-Bete-Blätter Luxus waren

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Zwischen Welten: Emiliia Dieniezhna.

Emiliia Dieniezhna.

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))

An diesem Mittwoch stimmt der Bundestag darüber ab, ob Deutschland den Holodomor als Völkermord anerkennt. Unsere ukrainische Kolumnistin berichtet, wie ihre Familie die Hungersnot einst überlebte.

Von Emiliia Dieniezhna

Ich hasse Rote Bete und esse sie nicht. Für mich ist dieses Gemüse ein Symbol unseres Familientraumas. Das Symbol der Hungersnot, Holodomor auf Ukrainisch. Als ich klein war, hat mein Opa erzählt, wie seine Familie von 1931 bis 1933 den schrecklichen Hunger überlebte. Man sollte Kartoffelschalen, Holzrinde und Erde essen. Rote-Bete-Blätter waren Luxus, man konnte sie kochen und die Brühe trinken. Sie gaben Hoffnung, dass man den Hunger überleben kann. Diese Geschichte habe ich immer in meinem Herzen, als Erinnerung an das, was meinem Volk schon vor so vielen Jahren angetan wurde.

Mein Opa war ein kleines Kind, als die sowjetische Regierung die Ukraine in die Hungersnot getrieben hat. Unsere Familie hat überlebt, aber Millionen von anderen Ukrainern nicht. Niemand kann genau sagen, wie viele meiner Landsleute verhungert sind. Die Schätzungen von Historikern schwanken zwischen vier und zehn Millionen. Um die Opfer nicht zu vergessen, haben die Ukrainer in Bayern vorigen Samstag in München eine Mahnwache organisiert. Ich war auch da.

An diesem Tag gedachte man auf der ganzen Welt den Opfern des Holodomors. In München wurde die Veranstaltung von einer Gruppe ukrainischer Aktivisten initiiert und vom Ukrainischen Konsulat unterstützt. Bereits am 14. Dezember 2018 hatte diese Gruppe gemeinsam mit anderen Ukrainern, die in Deutschland leben, eine Petition im Deutschen Bundestag eingereicht, den Holodomor als Genozid, als Völkermord, anzuerkennen. Bis jetzt haben das 18 Staaten gemacht, sagte Konsul Yuriy Yarmilko auf der Mahnwache. Er hofft darauf, dass Deutschland der Staat Nummer 19 sein wird. Die Abstimmung findet an diesem Mittwoch statt.

Zwischen Welten: Am internationalen Gedenktag des Holodomor kommen auch in München mehrere Hundert Ukrainerinnen und Ukrainer zusammen, um an die Opfer der von Stalin befohlenen Hungersnot in ihrem Land zu erinnern.

Am internationalen Gedenktag des Holodomor kommen auch in München mehrere Hundert Ukrainerinnen und Ukrainer zusammen, um an die Opfer der von Stalin befohlenen Hungersnot in ihrem Land zu erinnern.

(Foto: Ukrainisches Generalkonsulat)

In München hatten sich mehrere Hundert Ukrainerinnen und Ukrainer zu der Mahnwache versammelt. Sie kamen mit den ukrainischen Fahnen, manche haben auch Plakate mitgebracht, die die Tragödie meines Volkes erzählten. Viele Ukrainer hatten Weizenähren dabei, ein trauriges Symbol der Hungersnot, die von der sowjetischen Regierung unter Stalin bewusst herbeigeführt worden war. Man hatte den Ukrainern die Nahrung bis auf die letzte Weizenähre abgenommen, damit sie vor Hunger sterben sollten.

Mir sind zwei Frauen aufgefallen, die schwarze Weizen-Gebinde auf ihren Köpfen trugen. Ein starkes Zeichen für mein Land, das als Kornkammer Europas gilt. Ich bin mit einem Ukraine-Schal gekommen. Mein Mann hatte ihn früher immer zu Fußballspielen dabei. Bei seinem Besuch im Sommer hat er mir den Schal mit nach Pullach gebracht, damit ich ein ukrainisches Symbol hier habe. Den Veranstaltern der Mahnwache habe ich geholfen, eine mobile Ausstellung zum Holodomor aufzubauen. Die Exponate wurden vom ukrainischen Holodomor-Museum zur Verfügung gestellt.

Eine Frau, die an der Mahnwache teilnahm, hat ein Plakat getragen, auf dem stand: "Wir wurden getötet, weil wir Ukrainer sind." Diese Aussage erklärt nicht nur den Holodomor, sondern bringt auch auf den Punkt, was Putin nun in der Ukraine vorhat.

1933 konnte die Welt die Tragödie des Holodomor stoppen, bestraft wurde der Völkermord aber nicht. Das kann der Bundestag ändern, indem er für die Anerkennung des Holodomor als Völkermord stimmt. Damit würde er wenigstens im historischen Gedächtnis festgehalten.

Emiliia Dieniezhna, 34, flüchtete mit ihrer vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Von dort aus arbeitet sie ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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