Prozess Paar soll 26-Jährige zur Prostitution gezwungen haben

  • Die beiden Angeklagten sollen ihre Landsfrau aus Afghanistan unter dem Vorwand einer Heirat nach München gelockt haben.
  • Dort soll die 26-Jährige vergewaltigt, bedroht und zur Prostitution gezwungen worden sein.
  • Beim Prozess fanden sich so erdrückende Beweise, dass das angeklagte Paar noch im Gerichtssaal verhaftet wurde.
Von Susi Wimmer

Es ist beileibe kein einfaches Verfahren, das die neunte Strafkammer seit Anfang Januar zu verhandeln hat. Es geht um Zwangsprostitution, Zuhälterei und Vergewaltigung, aber auch um kulturelle Zwänge, um Ehre und die Macht der Familie. Und es scheint ein Netz aus Lügen zu sein, das sich um die Personen spinnt: Amir Z. und Kira B. stehen im Verdacht, die 26-jährige Afghanin Nesrin S. (alle Namen geändert) auf den Strich geschickt, vergewaltigt und bedroht zu haben. Zum Prozessauftakt am 7. Januar erschienen die Angeklagten noch als freie Bürger, allerdings fanden sich während des Prozesses so erdrückende Beweise, dass das Paar noch im Gerichtssaal verhaftet wurde.

Es sind sehr intime Details aus ihrem Privatleben, die Kira B. am zwölften Verhandlungstag an die Öffentlichkeit trägt. Es ist das erste Mal, dass sich die Frau mit den langen, blond gefärbten Haaren ausführlich zu den Vorwürfen äußert. Die Staatsanwaltschaft wirft der 29-Jährigen und ihrem 28 Jahre alten Freund vor, dass sie eine Landsmännin unter dem Vorwand einer Heirat nach München gelockt hätten. Amir Z. soll das spätere Opfer in einem afghanischen Online-Chat kennengelernt und ihr die Ehe versprochen haben.

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Kira B. gab sich als seine Schwester aus. In München soll Z. sie entjungfert und ihr erklärt haben, dass sie nun nicht mehr zu ihrer Familie zurück könne und von ihm abhängig sei. Dann soll das Paar die junge Frau gezwungen haben, den Kontakt zu ihrer Familie abzubrechen und Geld als Prostituierte zu verdienen. Immer, wenn Nesrin S. sich weigerte, soll Amir Z. gedroht haben, ihren alten, herzkranken Eltern zu erzählen, dass sie auf den Strich gehe. Außerdem werde er Nacktfotos von ihr ins Internet stellen oder ihr den Kopf abschneiden.

Wenn Kira B. redet, dann mit hoher quengeliger Stimme und wie ein Wasserfall. Sie wolle zwei Anträge stellen, beginnt sie, einen auf Haftprüfung und eine Haftbeschwerde. "Beides gleichzeitig geht nicht", erläutert der vorsitzende Richter Philipp Stoll - und während einer mündlichen Verhandlung habe sie ohnehin ständig Gelegenheit, sich zu äußern.

Also zieht Kira B. ihre Anträge zurück und beginnt zu erzählen, dass alles ganz anders war. Ihr Mann und sie seien nur nach islamischem Recht verheiratet. Amir Z. habe Nesrin S. in einem Chat kennengelernt, weil er auf der Suche nach einer Zweitfrau gewesen sei. Er habe sich Kinder gewünscht, aber da die Familie von Kira B. ihn nicht akzeptiert habe, konnte sie ihm keine schenken. "2016 war ich schwanger und musste abtreiben, weil meine Mutter sagte, wir seien nicht verheiratet", gibt Kira B. an. Auch seine Familie sei gegen die Beziehung gewesen, sie sei "zu westlich, zu dick, zu hässlich", sagt Kira B. aus.

Da Amir Z. drohte, sie zu verlassen, habe sie das Spiel mit der zweiten Frau mitgespielt und sich zunächst als seine Schwester ausgegeben. "Es war so hart, sie zusammen zu sehen." Sie selbst habe schon seit Anfang 2017 illegal als Prostituierte gearbeitet, ihr Mann habe davon nichts gewusst. Sie habe Anrufe fingiert und dann behauptet, sie müsse zur Polizei gehen und dort ihrer Arbeit als Dolmetscherin nachgehen. Da Nesrin S. nicht mehr zu ihrer Familie nach Berlin zurück wollte, habe sie ihr vorgeschlagen, ebenfalls als Prostituierte zu arbeiten. "Ich habe ihr alles erklärt, was sie zu tun hat, dass das nicht schwierig ist und man schnell Geld verdienen kann", gibt Kira B an, Zwang sei keiner ausgeübt worden. Amir Z. ging keiner Arbeit nach.

Da Nesrin S. Anfangs schüchtern gewesen sei, habe man via diverser Portale einen "Dreier" angeboten. Nesrin S. wurde als "Orient-Girl Hülya" offeriert. Und man habe den Verdienst später geteilt.

"Ich habe den Eindruck, sie wollen sich herausreden", sagt Richter Stoll nach mehr als zwei Stunden mit widersprüchlichen Aussagen von Kira B. Die hatte vermutet, Nesrin S. habe sich alles nur ausgedacht, um ihre Tätigkeit als Prostituierte vor der Familie zu rechtfertigen und "einen Sündenbock" zu haben. Sie, Kira B., sei am Ende - zumal ihre Familie alles erfahren habe, heult sie. "Da sind sie selber schuld", sagt Richter Stoll. Am 4. April wird der Prozess fortgesetzt.

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