Prozess gegen Waffenhändler "Ich werde nicht nachlassen, bis ein gerechtes Urteil ergangen ist"

19 Verhandlungstage verteidigt sich Philipp K. nun schon vor Gericht - bald soll es ein Urteil geben.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)
  • Die Opferfamilien des Münchner Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum fordern, dass der Waffenhändler Philipp K. wegen Behilfe zu den neun Morden zu zehn Jahren Haft oder mehr verurteilt wird.
  • Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft sei "ein Schlag ins Gesicht aller Hinterbliebenen" gewesen, sagt eine Mutter. Diese hatte lediglich etwas mehr als sieben Jahre gefordert.
  • Am Freitag könnte das Landgericht München bereits das Urteil fällen.
Von Martin Bernstein

Für die Familien der Opfer des Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) steht fest: Der inzwischen 33 Jahre alte Waffenhändler Philipp K., der dem Attentäter die Pistole geliefert haben soll, hat sich der Beihilfe zu den neun Morden schuldig gemacht. Am 19. und möglicherweise vorletzten Verhandlungstag vor dem Münchner Landgericht forderten mehrere ihrer Anwälte die zwölfte Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Frank Zimmer dazu auf, einen entsprechenden "rechtlichen Hinweis" zu erteilen.

K. steht bislang wegen fahrlässiger Tötung und Verstößen gegen das Waffengesetz vor Gericht. Die Opfervertreter kritisierten in ihren Plädoyers am Montag den Strafantrag der Staatsanwaltschaft. Diese hatte eine Freiheitsstrafe von etwas mehr als sieben Jahren gefordert. Anwälte der Opferfamilien halten zehn oder mehr Jahre Haft für angemessen. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

Morde am OEZ: Amoklauf oder Anschlag?

Mehrere Experten kommen zu dem Schluss, dass es ein Hassverbrechen, ein Akt des Terrorismus war. Bei der Frage geht es mehr als nur um einen Streit um Wörter. Von Martin Bernstein mehr ...

Im grauen Pullover betritt Philipp K. am Montag den Gerichtssaal. Wie an den bisherigen 18 Verhandlungstagen nimmt er Platz zwischen seinen beiden Verteidigern Sascha Marks und David Mühlberger - schweigend und ohne äußere Zeichen einer Gemütsregung. Er will sich nichts anmerken lassen, doch seine in rascher Folge von blass nach rot und wieder zurück wechselnde Gesichtsfarbe deutet an, dass eine Entscheidung näher rückt.

Der Vater eines ermordeten Buben ergreift das Wort. Erzählt, wie er kurz nach der Tat in den McDonald's an der Hanauer Straße gekommen sei und dort die toten Kinder noch immer am Tisch gesehen habe, an dem sie nicht einmal eine Stunde zuvor schwatzend zusammen gesessen hatten. Er erzählt, dass er sein Kind, den 15 Jahre alten Selcuk, nicht mehr erkannt habe. Und dass er, der verzweifelte Vater, von Polizisten, die ihn für einen möglichen Attentäter hielten, zu Boden geworfen und gefesselt wurde. Und von einer Handybotschaft erzählt der Vater, die er erhielt, als er Selcuk gerade in der Türkei zu Grabe trug. Der ihm bis heute unbekannte Absender schickte ein Foto der blutüberströmten Leichen im ersten Stock des McDonald's.

Was sein Sohn denn im OEZ zu suchen gehabt habe, sei der Vater eines weiteren Mordopfers, des 19 Jahre alten Giuliano K., von Polizisten am Tatabend angeherrscht worden, berichtet dessen Anwalt Onur Özata. Smajl S., der an jenem 22. Juli seine 14 Jahre alte Tochter Armela verlor, wendet sich direkt an den Vertreter der Staatsanwaltschaft: Wenn ein Menschenleben so billig sei, dann seien die Wege für andere Leute offen, wieder so etwas zu machen. Das Plädoyer des Staatsanwalts sei ein "Schlag ins Gesicht aller Hinterbliebenen" gewesen, sagt Sibel L. Die Angehörigen hätten wohl "ein Recht auf Rechtsprechung, aber kein Anrecht auf Gerechtigkeit". Für ihren im Alter von 14 Jahren ermordeten Sohn Can werde sie "nicht nachlassen, bis ein gerechtes Urteil ergangen ist". Dass das in der Revisionsinstanz vor dem Bundesgerichtshof der Fall sein könnte, deutet Anwalt Nico Werning in seinem Plädoyer an. Wie andere Opfervertreter kritisiert er die Argumentation der Staatsanwaltschaft scharf.

K. soll nach der Tat noch geprahlt haben

Diese ist zwar der Ansicht, Philipp K. habe davon ausgehen müssen, dass mit der verkauften Waffe geschossen werde und dadurch Menschen verletzt oder getötet werden könnten. Eine Verurteilung wegen Beihilfe setze aber voraus, "dass man die Tat, an der man sich beteiligt, zumindest in Grundzügen kennt". Dafür gebe es aber "keine ausreichenden Anhaltspunkte".

Opferanwälte wie Onur Özata und Claudia Neher schütteln darüber den Kopf. K. habe die Tat zumindest billigend in Kauf genommen. Als der spätere Attentäter David S., den K. für einen "Freak" hielt, sagte, er wolle mit der Munition "Kanaken abknallen", fragte K. mehrmals, ob sein Kunde auch "keinen Scheiß" machen werde - und packte dann zwei Handvoll Munition drauf. Zu den belastenden Indizien zählen die Opferanwälte, wie K. auf die Nachricht vom OEZ-Anschlag reagierte: "Stolz" habe er ihr einen Focus-Bericht über die Morde gezeigt, sagte K.s damalige Freundin aus. K. speicherte auf seinem Handy auch ein Foto des Münchner Attentäters und die Terrorwarnung der Polizei.

Nur drei Wochen nach den Münchner Morden fädelte K. das nächste Waffengeschäft ein und erschien mit einer geladenen Pistole im Holster. Bei seiner Festnahme deutete er an, er werde sich nach seiner Haftentlassung wohl eine Waffe besorgen müssen. Andere Zukunftspläne offenbarte er einem Mithäftling: Zum Mahnmal am OEZ werde er gehen und dort sein Markenzeichen hinterlassen: "Rico was here." Keinerlei Zeichen der Reue habe K. gezeigt, findet Opferanwalt Jochen Uher und sagt: "In hundert Stunden Verhandlung wäre ausreichend Zeit gewesen."

Der Stellvertreter

Neun Menschen hat David S. im Sommer 2016 in München erschossen - dann sich selbst. Vor Gericht steht der Mann, der ihm die Waffe verkauft hatte. Nach 15 Prozesstagen bleibt die Frage: Gibt es Gerechtigkeit? Von Martin Bernstein mehr...