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Pop:Wildes Wuchern

Zwei neue Platten der Münchner Kraut- und Jazzrockband "Karaba"

Von Martin Pfnür

Als die immens groovebegabte Instrumentalband Karaba im Frühjahr 2018 zusammen mit dem japanischen Improvisationsvokalisten Damo Suzuki in den Münchner Konzertclub Milla lud, war das ebenso sehr eine Reminiszenz an die Anfänge einer Ära wie eine Initialzündung für die Zukunft. Ersteres, weil dieser verspult gen Trance gejammte Kellerclubgig just in jener Stadt stattfand, in der auch der einstige Straßenperformer Suzuki 1970 von den großen Kölner Avantgardisten Can als Sänger entdeckt wurde. Zweiteres wiederum, weil die bis dato noch labellosen Karaba in Folge dieses Auftritts einen kreativen Lauf hinlegen sollten, der ihnen ganz neue Möglichkeiten verschaffte.

München und der Krautrock, das war ja nicht nur in den späten Sechzigern, als sich dort Bands und Kollektive wie Embryo, Amon Düül, Popol Vuh oder Guru Guru formierten, eine fruchtbare Beziehung - tatsächlich tut sich da auch heute wieder sehr viel. Sind etwa Karaba-Bassist Maasl Maier und Schlagzeuger Jakob Thun schon seit einer Weile Teil des aktuellen Embryo-Aufgebots, so verknüpfte sich die junge Münchner Szene zuletzt immer enger, indem man sich zum Beispiel regelmäßig zur Konzertserie "Krauthammer" zusammenfand.

Karaba

Progressiv-psychedelisch verstrahlt: Karaba.

(Foto: Leonard Will)

Mal brachte dabei Marja Burchard - die als Tochter des 2018 verstorbenen Christian Burchard nun bei Embryo die Fäden zusammenhält - den Karaba-Sound am Vibrafon zum Schimmern; mal verabredete man sich mit dem Gitarristen JJ Whitefield (ebenfalls Teilzeit-Mitglied bei Embryo) und dessen formidabler Krautisten-Kombo Karl Hector & The Malcouns zum Doppelkonzert. Ehrensache indes, dass sowohl Marja Burchard als auch JJ Whitefield beim Suzuki-Gig mit auf der Bühne standen.

So gesehen verwundert es nicht wirklich, dass Karaba ihre neue EP "Pheremon Crumble Wax" nun über das Label "Kryptox" veröffentlichen, auf dem 2019 auch das Solo-Debüt von JJ Whitefield (mit Maasl Maier am Bass) erschien. Und als wäre es der Verflechtungen noch nicht genug, kommt auch hier mit Mathias Modica ein altbekannter Münchner Protagonist ins Spiel, dessen tolles discoid geprägtes Label "Gomma" derzeit zwar ruht, dafür aber mit dem zwischen Krautigem und Jazzigem angesiedelten Kryptox-Kosmos einen würdigen Nachfolger gefunden hat.

Für Karaba ist es eine Label-Heimat, wie sie passgenauer kaum zugeschnitten sein könnte. Sechs Songs versammeln sie auf der EP, die in ihrem gut 35-minütigen Pulsen und Strömen fast schon in Albumlänge daherkommt. Fein austariert zwischen repetitiver Krautrock-Motorik und so manchem progressiv geschlagenem Haken, zeigt sich darauf die ganze stilistische Fülle, die sich die Band seit ihrer Gründung vor acht Jahren einverleibt hat. Samtener Sitar-Orientalismus, federleicht dahingleitende Sixties-Psychedelik, komplett verstrahlte Space-Funk-Exzesse, am Ende gar ein paar kraftmeiernde Wuchtriffs - nichts, was hier nicht möglich wäre.

Wer sich von den wunderbar wild wuchernden Songs der Band einmal live die Synapsen stimulieren lassen möchte, braucht dafür übrigens nicht unbedingt die Wiederauferstehung des Kulturbetriebs abwarten: Mit "Live in Vienna" haben Karaba parallel zur EP auch gleich noch einen Konzertmitschnitt veröffentlicht.

© SZ vom 14.01.2021
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