Pollyester am Cuvilliéstheater Die Dame Bass

"Ich habe mich richtig verknallt in die Truppe": Polly von Pollyester macht die Musik zu "Kinderkriegen" im Cuvilliéstheater - und ist überhaupt eine musikalische Freude für diese Stadt.

Von Egbert Tholl

Eigentlich bräuchte man nur zwei Buchstaben schreiben, und ein Artikel über sie wäre fertig. Sie hätte damit überhaupt kein Problem, das würde ihr sogar gefallen, man müsste nur das Bild recht groß machen, was ihr wiederum wurscht wäre. Der Artikel würde dann lauten: ui. Und man hätte mehr Zeit, ihrer Musik zu lauschen.

Das Musikduo: Pollyester.

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Polly ist Pollyester, heißt eigentlich Polina Lapkovskaja und spielt Bass. In einer ersten Begegnung vor etwa zehn Jahren tat sie das in der Münchner Avantgarde-Vaudeville-Combo Kamerakino, und man dachte sich damals, dass, wenn Karl Valentin eine Weißrussin gewesen wäre, er genauso ausgesehen hätte, nur nicht so schön, aber von der Haltung her. Vor ein paar Wochen dachte man sich etwas ganz anders. Da spielte Polly mit ihrer Band Pollyester beim Eröffnungsfest von "Radikal jung", und wie sie mit kompromissloser Wucht Bass und Stimmbänder bediente, das wirkte wie die supranaturalistische Version einer Rockikone, wobei man bei ihr nie genau weiß, worauf sich das, was man als ikonographisch empfindet, bezieht. Anders: Sie ist einfach saugut und künstlerisch schwer zu fassen; dazu total nett, Mama einer Tochter und seit neun Jahren verheiratet. Ui.

1993 kam sie aus Minsk nach München, da war sie elf Jahre alt. Der Grund dafür ist vor allem im Gefühlsleben ihrer Mutter zu suchen, worüber man aber nichts schreiben soll, denn die Frau Mama ist sehr stolz auf ihre Tochter, liest alles über sie, mithin wahrscheinlich auch dies, deswegen lassen wir es im Vagen - schönen Gruß. Polly kam also in München in die Schule, in die vierte Klasse - und sprach kein Wort Deutsch. Das kollidierte mit ihrem "Ehrgeiz zu verstehen und auch verstanden zu werden". Also lernte sie die Sprache, indem sie Bücher las, mit einem Lexikon neben sich. "Mit Sprachen hab' ich's." Stimmt.

Schuld am Bassspiel ist der in Weißrussland verbliebene Vater. Der merkte, dass Polly beim Klavierspielen immer die Linke stark betonte, kaufte ihr einen Bass und meinte, sie solle lernen, den zu spielen, er passe besser zu ihr. Doch neben verschiedenen Bässen spielt sie immer noch Tasteninstrumente aller Arten, entdeckte gerade eine Akkordeon-Orgel, die man sich wie eine Orgel mit Knöpfen und Tasten vorstellen muss, "das ideale Instrument für alte Akkordeonisten, die ihr Instrument nicht mehr tragen können". Und wenn sie nicht gerade mit einer ihrer Bands, in letzter Zeit vor allem mit Pollyester, nicht nur musikalisch (das eh), sondern auch dramaturgisch umwerfende Konzerte gibt oder mit der Zombocombo bizarre Partys veranstaltet (bald im Kong in der Prielmayerstraße), dann tritt sie im Theater auf. Am heutigen Samstag hat Tina Laniks Inszenierung von Kathrin Rögglas Stück "Kinderkriegen" im Cuvilliéstheater Premiere. Mit dabei: Polly und ihr trommelnder Bandkollege Manuel Dacoll.

Kinderkriegen" ist ein Stück übers Kinderkriegen, mit Erwachsenen für Erwachsene und ohne Kinder. Das hat sie sofort gereizt, denn wenn Erwachsene glauben zu wissen, wie ein Kind empfindet oder was ein Kind hören will, reagiert sie eher genervt. Aber hier sind ja keine Kinder dabei. Sondern acht Schauspieler, für die sie jeweils ein Lied geschrieben hat, sauber aus der jeweiligen Rolle heraus entwickelt, wobei sie genau auf die jeweiligen stimmlichen Fähigkeiten der Darsteller achtete. "Ich habe mich richtig verknallt in die Truppe." Offenbar haben die Proben Spaß gemacht, und Polly hat eine große Lust daran entwickelt, das Beste in den nun zu Sängern gewordenen Darstellern "zum Strahlen zu bringen". "Die können alle singen, manche mehr, manche weniger."

In der Ursprungsidee sollte "Kinderkriegen" ein Singstück werden, jetzt ist es ein "Musikstück" geworden. Oder: "ein kaputtes, entstelltes Musical". Wenn Polly Texte für ihre eigenen Songs schreibt, dann funktionieren die wie Splitter und Fetzen, die am Ende vielleicht ein großes Ganzes ergeben. Für "Kinderkriegen" bediente sie sich der Sprache Rögglas - und schrieb dann zwar auch eigene Texte, aber halt stets in Hinblick auf die Theatersituation. Und ein paar Songs kamen dabei heraus, bei denen sie schon ein bisschen traurig gestimmt sein wird, wenn die Aufführung mal abgespielt ist. Sie kann ohnehin nicht jeden Abend selbst mitwirken: Am 2. Juni hat in Berlin eine 24-stündige Adaption des Wallace-Riesenromans "Ein unendlicher Spaß" Premiere, inszeniert von Peter Kastenmüller, den sie von ihren ersten Erfahrungen als Theatermusikerin her kennt, damals in den Kammerspielen, zu "Bunnyhill"-Zeiten. In Berlin wird Polly dabei sein, wird die Charaktere des Romans musikalische vorstellen.

Die Theaterengagements sind wichtig. Rein finanziell - von 14 Tagen Tournee mit Pollyester bleiben 400 Euro hängen -, aber auch künstlerisch. Vielleicht tragen sie auch dazu bei, dass sie überhaupt in München bleibt, wo sie seit Jahren die Musikszene mitbestimmt. Wenn sie sich irgendwo mit Leidenschaft hineinhauen kann, dann geht es ihr gut. Dann ist das Geld auch nicht mehr so wichtig. "Ich bin nicht verzweifelt. Ich bin in erster Linie Musikerin." Weshalb sie von den spezifischen Aufgaben am Theater - oder auch in den Hörspielen von Björn Bicker - fasziniert war. Wie erzeugt man Atmosphäre? Wie macht man mit fünf Minuten Musik den Verlauf von zehn Jahren spürbar? Wie kann man eine Situation überhöhen? Im Grunde stellt sie sich die gleichen Fragen, die sich wohl ein Opernkomponist stellt. Ihre Mittel sind andere, die Wirkung ähnlich, und die Neugierde ungebrochen.

Diese, die Neugierde, führte sie auch in die USA oder nach Japan. So wie sie in München aus dem Korsett der akademischen Bass-Ausbildung ausbrach, wie sie Freude an Leuten wie eben denen von Kamerakino entwickelte, weil die nicht in Genres oder Schubladen denken, so gefiel ihr in Japan die Hysterie, mit der dort Musik gemacht wird, das Trashige, und faszinierte sie die eins-zu-eins-Rock'n'Roll-Kopien dort. Weil das, eins-zu-eins, gar nicht zu ihr passt. Die Japaner hatten wohl auch Freude mit ihr. Polly ist sehr groß, größer als fast alle Japaner. Und sie umarmen sich selten. Dann hüpfte Polly auf sie zu, und "die dachten sich dann, da kommt mir eine Giraffe entgegen, die auch noch schmusen will".

Nur in der Heimat war sie nicht mehr so oft, und wenn, dann auf Beerdigungen. Minsk liegt 300 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Die Leute, ihre Verwandten, sterben an Krebs. Auch Polly hatte eine Blutkrankheit. Doch die ist überwunden. Und dann lächelt sie. Einmalig, weh und schön.