Phoenix in München:Im Parka zum Alpenglühen

Thomas Mars of Phoenix performs during the Coachella Music Festival in Indio

Thomas Mars, Frontmann der Band Phoenix, hier auf einem Konzert in Kalifornien.

(Foto: REUTERS)

Phoenix-Frontmann Thomas Mars hat schmale Lippen und Topffrisur, doch bei seinem Gig in München ist er außergewöhnlich charismatisch: Er tanzt auf die gerade richtige Weise ungelenk und klärt die Frage, ob man "Finix" in Deutschland auch "Fönix" nennen darf.

Von Kathleen Hildebrand

Schon in der U-Bahn sieht man sie, die khakigrünen Parkas. Einer nach dem anderen steigt in den Zug zum Zenith in München-Freimann, später hängen sie brav in langen Reihen in der Garderobe. Phoenix sind eine Band für Parkaträger, tragen aber selbst, das kann man auf Bandfotos sehen, eher Mäntel. Sie sind schließlich Franzosen. Noch dazu aus Versailles.

An dieser Stelle schweigen Kritiker gerne über die Vorband, das muss diesmal anders sein. Es spielt "Haim", die Pop-Entdeckung des Sommers, und die drei Schwestern aus Kalifornien mit dem wahnsinnigen Selbstbewusstsein sind so überzeugend, dass man sie auch für die Hauptband hätte halten können. Laute "Hey"-Rufe durchschießen ihre Songs wie Peitschenhiebe und Percussion-Einlagen wechseln sich ab mit Gitarren-Soli, die ausnahmsweise nicht klingen wie selbstverliebtes Bühnengewichse.

Haim hören sich an, als hätte jemand Vampire Weekend, Alanis Morissette, die Mädchen aus der Serie "Girls" und Kleists Amazonenkönigin Penthesilea auf höchster Stufe gemixt. Nur die silbernen Ballonseide-Jacken der drei erinnern daran, dass man ja eigentlich gerade wartet: "Phoenix" steht auf ihren Rücken. Aber können die Jungs aus der Schloss-und-Springbrunnen-Stadt mit so einer Energieexplosion vorab überhaupt mithalten?

Sie können. Und auch mangelnde Volksnähe kann der Pariser Band niemand vorwerfen. Kaum auf der Bühne haben sie das Publikum. "Entertainment" eröffnet so melancholisch wie euphorisch den Abend und beim dritten Song ist Sänger Thomas Mars schon zwischen den Leuten vor der Bühne verschwunden. "Wir haben heute Freunde und Familie dabei", wird er später sagen. Vielleicht stehen die da vorne und vielleicht singt er dort gegen Ende des Konzerts auch das ruhige Endloslied "Big Sun" seiner Frau Sofia Coppola vor. Da sitzt Thomas Mars nämlich am Bühnenrand, beleuchtet von einem einzelnen Lichtkegel. Es sieht aus wie auf einer Musicalbühne.

Zugabe um Zugabe

Überhaupt, diese Bühne. Die Band steht vorne in einer Reihe, dahinter erhebt sich ein Podest, auf dem ein Waldschrat-Hipster trocken auf das Schlagzeug eindrischt. Und dahinter: in Regenbogenfarben changierende Streifen. Ein glühender Berggipfel. Dann ein gotischer Kirchenraum, in dem langsam auf den Altar gezoomt wird. Große Bilder, die zu den dichten Synthesizer-Teppichen und rauschhaften Melodien der Musik passen. Aber auch ähnlich erhaben-beliebig wie die Songtexte von Phoenix, die nie einfach Geschichten erzählen, sondern lieber wild herumassoziieren.

Thomas Mars spricht den Bandnamen hier in München extra nicht "Finix" aus, sondern sagt schön umgelautet "Fönix". Als er dann noch ein paar kurze Sätze weiter Deutsch spricht, freuen sich auch die Fans in den hinteren Reihen, zwischen denen er nicht spazieren geht. Dieser dünne, schmallippige Mann mit der immer wie gerade rausgewachsen wirkenden Topffrisur ist auf der Bühne überraschend charismatisch.

Er tanzt auf die gerade richtige Weise ungelenk, gekrümmt, hält sich mit beiden Händen am Mikrofon fest, während seine Beine schon wieder wegtanzen, und schlingt sich das pinkfarbene Kabel um den Hals. Leidenschaftlich ist er, nur ganz Rockstar-ekstatisch wird er nie. Am Ende steht Thomas Mars mit verschämt verschränkten Armen auf dem Schlagzeug-Podest und guckt, was er da wieder geschafft hat: einen ganzen Saal in Regenbogen-Berggipfel-Altar-Stimmung zu versetzen.

Dann zieht er nochmal los. Ein "Danke-Thank-you-Danke-Thank-you"-Mantra murmelnd, läuft er weit hinein ins Publikum, das Kabel ist zum Glück lang genug. Er hangelt sich daran zurück zur Bühne, dann kommt Zugabe um Zugabe. So euphorisiert wie nach diesem Abend wird selten eine Horde Menschen in regennasse Parkas geschlüpft sein.

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