bedeckt München 14°

"Phädra" am Staatstheater Nürnberg:Machtspiele in der Venusfalle

Staatstheater Nürnberg Phaedra

Tödliche Risse in der Fassade der perfekten Politikergattin: Ulrike Arnolds Phädra entdeckt die Liebe. Und die Verzweiflung.

(Foto: Konrad Fersterer)

So streng wie aufregend: Anne Lenks "Phädra"-Inszenierung am Staatstheater Nürnberg

Von Egbert Tholl, Nürnberg

Manchmal verblüfft einen die Stream-Premiere einer Theaterinszenierung dann doch. Dabei hätte Jean Racines "Phädra", am Staatstheater Nürnberg inszeniert von Anne Lenk und fürs Digitale mit sparsam eingesetzten Close-Ups aufbereitet von Sami Bill, alles, um einen beim Hineinstarren ins Laptop verzweifeln zu lassen. Die Bühne von Judith Oswald ist ein hell gerahmter dunkler Kasten (bei einer Aufführung vor Publikum würde er vorgerückt im Parkett stehen), eingefasst von Jalousien und möbliert mit dem sehr männlichen Stahl-Chic eines Corbusier oder Mies van der Rohe. Die Kostüme von Sibylle Wallum sind dunkelglänzende Variationen eines streng-zeitlosen Anzugstils, nur Phädra trägt Beige. Die Szenen werden separiert von Schwarzblenden, es surrt ein wenig Musik, die Sprache ist streng, Schillers Blankvers-Übertragung der Racineschen Alexandriner. Und doch erlebt man aufregende eineinhalb Stunden, packend, wahr.

Phädra (Ulrike Arnold), die zweite Frau des attischen Königs Theseus (Michael Hochstrasser), liebt ihren Stiefsohn Hippolyt (Maximilian Pulst), der liebt indes Arikia (Llewellyn Reichman), Prinzessin aus einem Geschlecht, dem Theseus einst den usurpierten Thron wieder entreißen musste. Önone (Julia Bartolome), Vertraute der Phädra, bestärkt diese in deren Liebe und verrät sie, dazwischen laviert ein Freund und Diener (Nicolas Frederick Djuren), in dessen Figur Anne Lenk Racines Theramen und Panope zusammenzieht. Das ist auch schon der einzige (kleine) Eingriff in den Text; Lenk kürzt ein bisschen und sehr exakt, stellt in den Reden wenige Sätze um. Ansonsten kann man Schillers Übersetzung problemlos mitlesen.

Und doch wohnt man keineswegs einem Klassikerseminar in einem klaustrophobischen Raum der Macht bei. Das liegt allein schon am wundervollen Umgang mit der Sprache. Anne Lenk hat die Figurenkonstellationen sorgfältig im Raum komponiert, alles, was hier entsteht, entsteht durch das Reden. Im Sprechen erschaffen sich die Figuren, und alle auf der "Bühne" machen sich die Sprache mit jener perfekten Ambivalenz zu eigen, die keineswegs den kunstvollen Bau negiert, aber durchdrungen ist von Menschlichkeit. Man hört fasziniert zu. Allen, vor allem Ulrike Arnold, der der "Venus' furchtbare Gewalt" in den Körper gefahren ist, so dass die Fassade der perfekten Politikergattin aufbricht, nur der Helm der Frisur bleibt. Arnolds wehes Lächeln ist schmerzvoller Zauber.

Lenk lässt ein schimmerndes Fluidum durch die Inszenierung wehen. Vielleicht empfindet Hippolyt doch mehr für Phädra, hat nur Angst vor seinen Gefühlen. Vielleicht liebt ihn Arikia mit ihrem punkigen Selbstbewusstsein weniger als die Macht. Überhaupt, die Macht. Nach ihr gieren alle, in unterschiedlichen Varianten, auch um aus dem Gefängnis der Konventionen, der ererbten Verhaltensweisen auszubrechen. Theseus, der Weiberheld, der vom Irgendwo zurückkehrt, hat die Macht und vertraut nur ihr. Also sich. Und Phädra verliebt sich in die eigene Liebe wie in ein Projekt, das ihr ein eigenes, neues Leben verheißen könnte. Und scheitert.

Ach, man versteht Anne Lenk, die im Gespräch danach die Erlösung ihrer Inszenierung durch das Publikum ersehnt. Sie schaute den Stream gar nicht an. Ulrike Arnold auch nicht. Doch: Sie können sich das gut trauen. Lohnt sich.

© SZ vom 26.04.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema