Freimann:Die Knöllchen-Mission

Parksituation in der Wohlfartstraße, Freimann

Anwohner in Aufruhr: Die Wohlfartstraße in Freimann ist zu eng für beidseitiges Parken. Viele Nachbarn tun es trotzdem - um kein Knöllchen zu kassieren.

(Foto: Florian Peljak)

In einer kleinen Straße im Münchner Norden herrscht Zwietracht: Ein Mann aus dem Landkreis Freising zeigt regelmäßig Falschparker an und hält damit Polizei wie Anwohner auf Trab.

Von Stefan Mühleisen, Freimann

Die sieben Anwohner stehen missgelaunt auf dem Gehsteig und blicken die Wohlfartstraße gen Norden hinauf. Kalter Regen nieselt auf sie nieder, doch das ist nicht der Grund für die miese Stimmung. "Das war hier mal eine langweilige Anwohnerstraße", sagt Thomas Nindl. Er meint das positiv, im Sinne von: unaufgeregt, ordentlich, ruhig. Seit einigen Monaten ist das anders. Anwohner brüllen sich auf offener Straße an oder klemmen auf Zettel geschriebene Beschimpfungen an Windschutzscheiben. "Du blöde Amsel kannst nicht Auto fahren, hat einer meine Frau durch die Windschutzscheibe angeschrien", berichtet Nindl, 55-jähriger Ingenieur.

Seit einigen Monaten herrscht Unfrieden in dieser gut 450 Meter langen Wohnstraße in Freimann, an deren Südende sich das bekannte Metropol-Theater befindet. Auslöser dafür ist ein einziger Mann, der noch nicht einmal dort wohnt. "Gesehen hat den noch niemand. Aber der fährt hier durch und macht Fotos von den Nummernschildern", sagt Nindl. Und die schickt er per Mail an die Polizei.

Nindl deutet die Straße hoch, insgesamt an die fünf Dutzend Autos reihen sich links und rechts aneinander. Manche stehen mit zwei Reifen auf dem Gehweg, manche nicht. Als es noch schön langweilig war, parkten alle halb auf dem Gehsteig, alles war friedlich. Die Wohlfartstraße ist zu eng für beidseitiges Parken, so stellten die Nachbarn ihre Autos mit zwei Rädern auf die Trottoirs. "Lange war das gelebte Praxis, das störte niemanden", versichert Gerd Seis, 56, der mit seiner Frau Heide seit 1992 in der Straße wohnt. Allerdings ist dies in der Wohlfartstraße - wie überall, wo es nicht explizit erlaubt und ausgeschildert ist - verboten. Das Bußgeld beträgt 20 Euro, wenn Verkehrsteilnehmer behindert werden, 30 Euro.

Und da kommt ein Mann aus einer Ortschaft im Landkreis Freising ins Spiel, der - wie, weiß niemand - auf die Park-Praxis aufmerksam wurde, und nun, zur allgemeinen Empörung, immer wieder die verbotswidrig abgestellten Autos fotografiert und per Mail die zuständige Polizeiinspektion informiert. Name und Adresse des Mannes sind den Anwohnern bekannt; er ist stets als "Zeuge" auf den Bußgeldbescheiden genannt, die sie aus dem Briefkasten ziehen. Nindl bekam den ersten von bisher fünf am 1. Januar 2019, wie auch 30 Nachbarn. Sechs Knöllchen hat inzwischen Andrea Hegele-Kirschdorf, 54, erhalten, ebenso das Ehepaar Seis.

Mit den Briefen der Polizeiverwaltung kommt die Zwietracht in die Siedlungsstraße, in der wohl gut 100 Menschen wohnen. "Neulich hatte ein Nachbar Hundekot auf der Windschutzscheibe", erzählt Wirtschaftskorrespondentin Hegele-Kirschdorf. Der Eigentümer hatte, wie so viele Nachbarn, die Nase voll von den wiederholten Bußgeldbescheiden und sein Auto regelkonform abgestellt - behinderte damit aber die Durchfahrt.

Das regt manche Nachbarn so sehr auf, dass sie die legal geparkten Wagen bespucken, beschmieren, sogar beschädigen. Unlängst musste die Müllabfuhr unverrichteter Dinge wieder abrücken. Wie Nindl außerdem berichtet, hinterlassen die Müllwerker immer wieder Zettel an Windschutzscheiben, mit der Bitte, das Auto weiter auf dem Bürgersteig zu parken, da sie sonst nicht durchkämen. Viel schlimmer noch: Nindl hat beobachtet, wie ein Rettungswagen von Norden her mit Blaulicht anfuhr und nicht durchkam. Er habe einen Umweg von mehreren Minuten über die Parallelstraße in Kauf nehmen müssen. "Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass es hier einen Feuerwehreinsatz gibt."

Derjenige, der die Sache ins Rollen brachte, ist als Absender von Parkverstoß-Hinweisen, inklusive Beweisfotos, der Münchner Polizei gut bekannt. "Der beschäftigt uns nicht nur in der Wohlfartstraße und nicht nur bei unserer Inspektion. Der macht das münchenweit", sagt der Leiter der für Freimann zuständigen Polizeiinspektion 47 (Milbertshofen), Joachim Scheil.

Allein für den Einzugsbereich seiner Inspektion seien von dem Mann seit Jahresbeginn E-Mails "im dreistelligen Bereich" eingegangen, wobei es neben der Wohlfartstraße noch um zwei andere Straßen gehe. Der Beamte betont indes: Die Polizei müsse jeden Verdacht einer Ordnungswidrigkeit überprüfen. Und er stellt auch klar, dass die Wohlfartstraße zwar kein Kontrollschwerpunktgebiet sei, Parkverstöße aber keineswegs toleriert würden. "Wir haben nur nicht die Kapazitäten, überall zu sein."

Eine Lösung wäre es, das Gehwegparken in der Straße zu legalisieren, mit einer Markierung und Beschilderung. Dafür setzte sich unlängst der Bezirksausschuss-Vorsitzende Werner Lederer-Piloty (SPD) bei einem Ortstermin mit Vertretern von Polizei und Stadtverwaltung ein. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) lehnt das aber ab; die städtischen Richtlinien verlangten 1,60 Meter für Fußgänger. "Die örtlichen Gegebenheiten lassen das aber nicht zu", sagt ein Sprecher. Soll heißen: Es gibt zu wenig Platz.

Als Alternative stellt sich das KVR vor, einseitig absolute Haltverbote zu verfügen, die versetzt angeordnet werden. Die Lücken dienen dann als Garant fürs Durchkommen; Anwohner könnten ihre Autos ordnungsgemäß am Fahrbahnrand parken - wofür jedoch einige Parkplätze wegfielen. Zunächst will die Behörde noch das Votum des Bezirksausschusses dazu abwarten.

Ob die Lösung die Lage befriedet, ist fraglich. "Sie machen es noch schlimmer, wenn sie uns die Parkplätze wegnehmen", grollt Gerd Seis. Er deutet auf das Metropol-Theater und erzählt davon, wie angespannt die Parksituation an Vorstellungsabenden sei. Neben ihm nickt Nachbar Andreas Baldauf, 50, verdrossen. Seine Lösung für die Malaise, nach sechs Strafzetteln, beschreibt er so: "Ich parke nur noch in den umliegenden Straßen."

© SZ vom 04.05.2019/kaal
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