Oktoberfest Warum man die Wiesn ernst nehmen muss

Das Oktoberfest ist und bleibt ein Volksfest - und war schon immer sehr viel mehr.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Sylvia Krauss-Meyl, Historikerin am Bayerischen Hauptstaatsarchiv, hat ein erstaunliches Buch über das Oktoberfest geschrieben.
  • Sie beleuchtet die Wiesn von allen Seiten - und sie nimmt das gigantische Fest ernst.
  • Krauss-Meyl hat einige Anekdoten zutage gefördert, die so bislang noch nicht bekannt waren.
Von Jakob Wetzel

Bier, Tracht und Achterbahn, dazu ein paar volkstümliche Anekdoten, etwas Blasmusik und ein Hauch von Skandal: Das ist das Erfolgsrezept für ein Buch über das Oktoberfest, und daran herrscht kein Mangel. Es gibt derart viel Wiesn-Literatur voller heiterer, aber altbekannter Anekdoten und Bilder von Bierkrügen, Dekolletés und Lederhosen, dass man meint, wenn noch etwas fehlt, dann allenfalls der Überblick.

Es ist daher ein erstaunliches Buch, das Sylvia Krauss-Meyl geschrieben hat, denn mühelos ragt es aus dieser Menge heraus. Und dafür gibt es einen schlichten Grund: Es nimmt die Wiesn ernst. Krauss-Meyls Oktoberfest ist weit mehr als ein institutionalisierter Exzess. Es ist ein gigantischer Markt, ein Abbild der Gesellschaft, vor allem aber eine Bühne der Macht.

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Es gehe ihr um den Zeitgeist, und der spiegle sich im Oktoberfest deutlicher als anderswo, schreibt die Historikerin am Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Und tatsächlich hat dieses Fest einiges im Gepäck: die Aufklärung, die Monarchie und die werdende Demokratie, das Ringen um eine bayerische Identität, sehr viel Geld - und vor allem große Politik, von Anfang an.

Es geht immer um die große Politik

Am Beginn stehen die Könige, die versuchen, aus einer Volksbelustigung mit Pferderennen ein bayerisches Nationalfest zu schmieden - mit nahezu allen Mitteln. 1806 war Bayern zu einem eigentümlichen Königreich erhoben worden, zu dem nicht nur Untertanen gehörten, die sich keineswegs als Bayern fühlten, sondern mit Max I. Joseph auch ein König, der kein Bayer war, sondern Pfälzer - und noch dazu einer, dem der Schock der Französischen Revolution in den Knochen saß. Ein gemeinsames Fest sollte das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken. Den Anlass bot die Hochzeit des Kronprinzen Ludwig mit Therese von Sachsen-Hildburghausen am 12. Oktober 1810, dem Namenstag des Königs. Das allererste Oktoberfest hieß deshalb zunächst "Maximilianswoche".

Der Ablauf und die Bedingungen des Festes waren dabei präzise durchgeplant. Und das Königshaus zeigte Präsenz. Am Festsonntag saß die Familie von 14 bis 17 Uhr in einem Königszelt und ließ sich huldigen. Der König gab sich als Landesvater und mischte sich unter seine Untertanen. Und selbst der gewählte Ort entsprach dem Kalkül: Die nun nach der Braut "Theresienwiese" genannte Fläche zwischen München und Sendling war im Jahr 1705 Schauplatz der "Sendlinger Mordweihnacht" gewesen: Österreichische Soldaten schossen hier Bauern aus dem Oberland zusammen, die München befreien wollten. Seitdem war der Platz ein Symbol für bayerischen Patriotismus und Treue zum Fürstenhaus.

Oktoberfest

Auffallen und Anbandeln

Jeder König setzte eigene Akzente

In den folgenden Jahren setzten die Könige je eigene Akzente. Maximilian II. etwa institutionalisierte die Tracht, um den feiernden Menschen ein Gefühl von Gemeinschaft zu vermitteln - ein Konzept, das noch immer aufgeht. Sein antikenverliebter Vater Ludwig I. hatte die Wiesn da bereits in ein pseudo-historisches Fest verwandelt und die Tradition der Festumzüge begründet, und zwar mit einer 86 Wägen fassenden Prozession, deren Teilnehmer der Einfachheit halber sämtlich aus der näheren Umgebung stammten, die aber die Bevölkerung ganz Bayerns repräsentieren sollten.

1842 organisierte der König gar eine Massenhochzeit: Er lud 35 Brautpaare aus allen Regierungskreisen Bayerns ein, um gemeinsam mit Kronprinz Max und Marie von Preußen Hochzeit zu feiern - und zwar am 12. Oktober, seinem eigenen Hochzeitstag. Nach der Trauung ging es auf die Theresienwiese. Und hier, am heutigen "Kotzhügel", sollten Ruhmeshalle und Bavaria dem Ort den letzten nationalbayerischen Schliff geben.