Oberföhring/Schwabing Jedes Werk zeigt seinen Schöpfer

Das Inklusionsprojekt "Insel" liegt an einem besonderen Platz nördlich des Oberföhringer Stauwehrs - und es präsentiert nun eine besondere Ausstellung: Jugendliche mit und ohne Behinderung haben bei einem Kurs teils ausgefallene Kunst geschaffen, die auch ihr Inneres offenbart

Von Ulrike Steinbacher, Oberföhring/Schwabing

Helle Beiner hat schon viele Ausstellungen mit den Bildern ihrer Schüler aufgebaut, zum Beispiel im Moosacher Pelkovenschlössl oder in der Alten Färberei in Untergiesing. Aber dieses Mal ist alles anders. Diesmal wird sie die Kunstwerke, welche die Gestaltungsklassen der Ernst-Barlach-Schulen im Lauf des Jahres erarbeitet haben, nicht an festen Wänden aufhängen, sondern an wackligen Zeltbahnen. Und die Ausstellungszelte werden nicht in der Stadt aufgestellt sein, sondern im Grünen. Genauer gesagt: auf der Insel.

"Insel" steht in diesem Fall für "Inklusive Natur,- Sport- und Erlebnislandschaft". Das Akronym ist aber fast wörtlich zu nehmen, denn das Areal liegt genau an der Spitze der Landzunge zwischen Isar und Isarkanal - ein verwunschener Ort mitten im Grünen, weit weg von Lärm und Hektik. Dieses Gelände nördlich des Oberföhringer Stauwehrs war einmal der Betriebssportplatz von Eon Energie. Der Konzern schenkte es der Stiftung Pfennigparade, einem der größten Rehabilitationszentren für körperbehinderte Menschen in Deutschland. Und diese will die grüne Insel im Sinne der Inklusion nutzen, also Menschen ohne Behinderung einbeziehen. An Konzepten dafür wird gearbeitet, die Ausstellung der Ernst-Barlach-Schulen an diesem Wochenende ist ein erstes Projekt und soll auch Publikum von außerhalb finden.

Verschiedene Facetten: Die Teilnehmer malten Porträts, fertigten Plakatstudien oder falteten Origami.

(Foto: Florian Peljak)

Doch das ist natürlich nicht der einzige Grund für die Wahl des Ausstellungsortes. Vielmehr werden dort auch Arbeiten präsentiert, die auf der Insel selbst entstanden sind. Das kommt so: Die Barlach-Schulen an der gleichnamigen Straße in West-Schwabing gehören zur Pfennigparade. Unterrichtet werden dort behinderte und nichtbehinderte Schüler. Wer von ihnen an der Fachoberschule (FOS) den Zweig Gestaltung wählt, landet im Kunstraum von Helle Beiner im dritten Stock des weitläufigen Gebäudes. Zehn bis zwölf Jugendliche pro Klasse unterrichtet sie heuer in drei Jahrgangsstufen. In jeder Klasse sitzen auch Schüler mit Behinderungen und Einschränkungen - ADHS, Autismus, Psychosen, Diabetes, Krebs, Lähmungen oder die Mondscheinkrankheit, eine genetisch bedingte extreme Lichtempfindlichkeit.

14 Stunden Kunst die Woche haben die Elftklässler bei Helle Beiner. Da gibt es Theorie und Museumsbesuche, aber auch jede Menge eigene künstlerische Arbeit. Außerdem absolvieren die Elftklässler im Lauf des Schuljahrs vier Praktika, jedes davon fünf Wochen lang. Und heuer fand zum ersten Mal ein Praktikum in Oberföhring statt. Unter Anleitung von Insel-Projektleiter Markus Mair entwarfen die Jugendlichen dort Kunstwerke. Sie entschieden sich dafür, mit Recyclingprodukten zu arbeiten. "Das Grundmaterial haben wir aus dem Müll gezogen", sagt Mair, der auch den Fachbereich Schreinerei der Schule leitet. Die Zahnräder eines alten Motors fanden zum Beispiel ihren Weg in eine Skulptur, aus Pappmaschee entstand ein Rabe.

Kunstlehrerin Helgard Beiner.

(Foto: Florian Peljak)

Aber auch die anderen Arbeiten dieses Schuljahrs sind am Wochenende zu sehen: verfremdete Porträts auf Leinwand, zweidimensionale Zeichnungen von dreidimensionalem Origami, Hand-Studien, die zu surrealen Hand-Landschaften weiterentwickelt werden, oder Plakatentwürfe für den Club 27, also all die Künstler von Jim Morrison bis Amy Winehouse, die mit 27 Jahren gestorben sind. Manchen Arbeiten ist der Fantasy-Einschlag anzumerken, Smaug lässt grüßen, Jon Snow auch. Anderes ist klar und gerade, vieles farbig und farbsicher. Und dann gibt es Arbeiten, die mit ihrer Themen-Interpretation überraschen: die Straßenspiralen etwa, die sich durch Holzhütten in die Höhe schrauben, als Darstellung der Verbindung von innen und außen in zwei Architekturformen.

Helgard Beiner kann an den Bildern und Zeichnungen erkennen, wie es ihren Schülern gerade ging, als sie daran arbeiteten. Jedes Werk, sagt sie, zeige seinen Schöpfer ganz genau. Dafür brauche man Mut, genauso wie dafür, die Arbeiten öffentlich zu zeigen. "Es ist eine unheimliche Offenbarung, was von sich darzustellen."

Die Insel liegt zwischen Oberföhringer Wehr und Mauerkircherstraße 174. Die Ausstellung wird am Freitag, 17. Juni, 18 Uhr, eröffnet und ist am Samstag und Sonntag, 18. und 19. Juni, von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Info unter 0163/63 27 387.