OB-Wahl 2020 Die Grünen üben Volkspartei

Sie sollen zum nächsten Erfolg führen (v. li.): Die Parteivorsitzenden Gudrun Lux und Dominik Krause sowie OB-Kandidatin Katrin Habenschaden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Katrin Habenschaden will 2020 die erste Oberbürgermeisterin Münchens werden. Klar, dass eine soeben gewählte Spitzenkandidatin so etwas ankündigt - doch dieses Mal meint es die Partei richtig ernst.

Von Heiner Effern

Die Grünen sind nun also in einer Industriehalle angekommen, die sonst als hippe Eventlocation dient. Farbige Spots tauchen das viele Metall und die etwa 240 Mitglieder darunter in ein künstliches Dauergrün. Wer das Kesselhaus im Münchner Norden betritt, tauscht den hellen Sonnenschein draußen mit einer Art surrealen grünen Gegenwelt. Mancher altgediente Sponti wird sich wohl an diesem Samstag ohnehin kneifen müssen, ob das denn noch diese Umweltpartei ist, in die er einst eingetreten ist: Die Grünen in München haben so viele Mitglieder, dass sie die großen Hallen mieten müssen. Sie nominieren mit Katrin Habenschaden ihre OB-Kandidatin so einig (97,77 Prozent), dass man um die vier Gegenstimmen fast dankbar ist. Und als sie ihren Stadtrats-Fraktionsvize Dominik Krause mit knapp 90 Prozent zum München-Chef wählen, erwähnt nur einer die einst heilige Trennung von Amt und Mandat: Krause selbst.

Ein halbes Jahr nach der historischen Landtagswahl, als die Grünen erstmals zur Nummer eins in der Stadt wurden, üben sie sich schon mal in Volkspartei. "Wir haben eine einzigartige Chance, wie es sie noch nie gab", sagt Habenschaden in ihrer Bewerbungsrede. "Wir wollen regieren, und ich möchte die erste grüne Oberbürgermeisterin in München werden." Diesen Anspruch muss eine Spitzenkandidatin natürlich formulieren, doch anders als bei vergangenen Wahlen meinen die Grünen das nun richtig ernst. Dominik Krause sagt, was viele in der Gesellschaft wahrnehmen: "Es liegt eine Stimmung in der Luft, die wir vertreten." Seine weibliche Kollegin an der Stadtspitze, Gudrun Lux, dokumentiert das mit Zahlen: Allein in den vergangenen gut zwei Jahren habe sich die Zahl der Mitglieder in München nahezu verdoppelt, gibt sie bekannt. Mehr als 2300 sind es derzeit. Für Stadtparteitage reichen Bürger- oder Kolpingsäle kaum mehr aus.

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Mehr Mitglieder könnte mehr Streit bedeuten, doch so ist es nicht - jedenfalls nicht im Moment. Die Grünen zeigen sich geschlossen in der Frage, wer sie in die Kommunalwahl 2020 führen soll. Dass Habenschaden OB-Kandidatin wird, steht schon lange vor der offiziellen Nominierung fest. Die 41 Jahre alte Bankkauffrau ist die einzige Bewerberin und genießt einen so hohen Vertrauensvorschuss, dass sie ihr Interesse ohne Kritik aus der Partei schon früh öffentlich äußern durfte. In ihrer 15 Minuten langen Rede arbeitet sie am Samstag in Schlagworten schon ein Wahlprogramm heraus: Habenschaden will mehr bezahlbare Wohnungen und trotzdem möglichst viel Grün in der Stadt, mehr soziale Gerechtigkeit, eine Verkehrswende mit einer Stärkung des Nahverkehrs und einem ausgebauten Radwegenetz sowie eine tolerante, weltoffene Stadtgesellschaft. Ihre Parteifreunde applaudieren bereits kräftig dazwischen, am Ende gibt es lauten Jubel. Fast alle im Saal erheben sich dafür.

Vom Stadtvorstand erhält Habenschaden als Geschenk einen grünen Rucksack. Proviant und Nervennahrung hätten darin Platz, sagt Gudrun Lux, die trotz einer Gegenkandidatin mit mehr als 60 Prozent der Stimmen im Amt gleich danach bestätigt werden wird. Ein angehängtes Windrad soll für Rückenwind sorgen. In diesem Rucksack für Habenschaden, auch das wird an diesem Samstag deutlich, werden auch allerhand Wünsche der Grünen Platz finden. Und nicht zuletzt dürfte darin schon auch ein gewichtiges Päckchen an Erwartungsdruck enthalten sein. Die guten Wahlergebnisse und Umfragewerte können auch eine Verpflichtung bedeuten.

Wie groß die Anspannung bei Habenschaden ist, merkt man lediglich am Tempo ihrer Rede. Sie prescht förmlich durch den Text, strahlt dadurch aber auch große Energie aus. Wie erleichtert sie über das perfekte Stimmenergebnis ist, zeigt ihre gelöste, fast gerührte Miene danach. Sie kann diese Anspannung dann in einer wahren Umarmungsorgie abbauen. Und schon einen ersten Eindruck bekommen, wie sehr sie im Wahlkampfjahr im Fokus auch ihrer eigenen Partei stehen wird. Unter den Gratulantinnen ist auch eine, die das beim letzten Mal erlebt hat: Sabine Nallinger, die OB-Kandidatin der Grünen im Jahr 2014. Habenschaden habe "tollste Voraussetzungen", sagt sie später. Und dass bereits ein enger Austausch bestehe zwischen den beiden.

Die Münchner Grünen sind wild entschlossen, die politischen Realitäten in der Stadt neu zu gestalten. Das ist die Botschaft dieses Parteitags. "Wir wollen die Stadt im Wahlkampf erobern", sagt Habenschaden, und sie betont das Wir. Sie sei "immer schon Teamspielerin". Die Zeiten des ewigen Juniorpartners sollen vorbei sein. In der grünen Gegenwelt sollen künftig andere Parteien diese Position kennenlernen.