Notfallmedizin für Kinder:"Wir arbeiten nur noch am Limit"

In der dritten Etage der Klinik ist die kinderchirurgische Abteilung. Michael Berger eilt über den Flur. Der Oberarzt hat vier Jahre in den USA gearbeitet. Als er zurückkam, war er schockiert über die Zustände und den geringen Stellenwert der Kindermedizin in Deutschland. Sein Handy klingelt. Ob bei ihm noch ein Bett frei sei, fragt ein Kollege von einer anderen Abteilung. Ein Notfall, ein Kind, das heute noch operiert werden muss. "Leider nein, wir sind auch überbelegt", antwortet Berger. 16 Kinder sind auf der Station, vom Säugling bis zum Jugendlichen, viele von ihnen sind schwer krank. Wer infektiös ist, liegt allein im Raum, sonst in Zwei- oder Dreibettzimmern. Oft schläft noch ein Elternteil mit im Raum. Dabei würden viele Tumorpatienten nach der Operation von der Ruhe im Einzelzimmer profitieren, sagen die Ärzte. Doch es mangelt an Betten.

Wobei Bettenmangel eigentlich nicht der richtige Begriff ist. Es gibt auf der gleichen Etage noch eine Station, die Chirurgie 3. Während auf der Chirurgie 2 Hochbetrieb herrscht, liegt der Flur nebenan verwaist da. Die Chirurgie 3 steht leer. Dabei ist sie voll ausgestattet, von den Betten bis zu den Überwachungsbildschirmen. Alles da. Nur keine Patienten. Es fehlt schlichtweg das Personal, um sie zu betreuen. Wenn man mehr Krankenpfleger hätte, könnte man mehr Betten belegen - das hört man in fast allen Kliniken Münchens, von der Chirurgie bis zur Onkologie.

"Wir arbeiten nur noch am Limit", sagt Sandra Meier, eine Kinderkrankenpflegerin, die nicht mit ihrem wirklichen Namen genannt werden möchte. Oft habe sie nicht einmal Zeit, um auf die Toilette zu gehen, geschweige denn eine Pause zu machen. Sie arbeitet in Teilzeit und würde gern weiter reduzieren, weil die Belastung so hoch ist. "Doch dann müssen meine Kolleginnen noch mehr arbeiten." Wenn sie krank ist, hat sie Gewissensbisse. Und wenn sie ihre Überstunden abbauen würde, müssten noch mehr Betten geschlossen werden.

In ganz Deutschland herrscht Pflegemangel, in München ist er aufgrund der Lebenshaltungskosten besonders eklatant. Dementsprechend groß ist auch die Konkurrenz unter den Kliniken. Das städtische Klinikum bietet bis zu 8000 Euro für jeden neuen Mitarbeiter. Früher hießen sie Schwestern, heute Pfleger, aber es sind immer noch überwiegend Frauen. Sie tragen eine große Verantwortung, der Druck und die medizinischen Anforderungen wachsen. "Der Gedanke ist immer da, ob ich gehen soll. Aber ich liebe diese Klinik", sagt Meier. "Was können wir machen?", fragt eine Kollegin verzweifelt. Streiken, sich krankschreiben lassen, kündigen? Alles undenkbar, weil sie wissen, die Leidtragenden sind immer die kranken Kinder.

Als Dietrich von Schweinitz vor 15 Jahren die Leitung der Chirurgischen Kinderklinik übernahm, gab es 62 Betten. Heute sind es 32. Offiziell. Aufgrund von Personalmangel können nur 18 belegt werden, seit Anfang April sogar nur 16. Die Zahl der Betten steht und fällt mit der Zahl der Krankenpfleger. Die Situation habe sich deutlich verschärft, sagt der Professor. Neben dem akuten Pflegenmangel in München sieht er noch einen weiteren Grund dafür: Kindermedizin werde in Deutschland nicht angemessen bezahlt. "Eine Uni-Kinderklinik kann gar nicht schwarze Zahlen schreiben", sagt von Schweinitz, zumindest nicht bei dem derzeitigen Vergütungssystem. Das sieht man auch daran, dass es in München viele Privatkliniken gibt. Keine einzige davon ist eine Kinderklinik. Weil Kinderkliniken im betriebswirtschaftlichen Gesamtplan einer Uni-Klinik als Minusfaktor auftauchen, wird dort besonders rigoros gespart. 25 Prozent der Arztstellen seien ihm in den vergangenen zehn Jahren gestrichen worden, sagt von Schweinitz. Und ein Drittel der Anästhesie und OP-Kapazitäten.

Kindermedizin ist aufwendiger, sie braucht mehr personelle und zeitliche Ressourcen. Die Personalkosten in Kinderkliniken, die etwa 85 Prozent der Gesamtkosten ausmachen, liegen etwa 30 Prozent höher als in der Erwachsenenmedizin, heißt es im Deutschen Ärzteblatt vom März. Berücksichtigt wird das jedoch nicht. Die Krankenkassen zahlen nach Fallpauschale. Einem Erwachsenen kann der Arzt sagen, er solle 20 Minuten für eine Kernspintomografie stillhalten. Ein Kind muss dafür in Vollnarkose gelegt werden.

Diese Schwierigkeiten kennt Birgit Kammer. Die Oberärztin leitet die Kinderradiologie und arbeitet seit 30 Jahren am LMU-Klinikum. Sie hat gerade bei einem Kind eine Blase geröntgt, eigentlich ganz simpel. Doch statt einer halben Stunde wie bei einem Erwachsenen, hat die Untersuchung mit Gespräch zwei Stunden gedauert. Ein zweijähriges Kind lässt sich nicht eben schnell röntgen. "Ökonomisch ist es der reinste Wahnsinn", so Kammer. "Aber Kinder haben die gleichen Rechte wie Erwachsene, diagnostiziert zu werden."

Kammer mag ihre Arbeit, die Klinik sei großartig, ein tolles Team. Aber die Situation habe sich dramatisch verschärft, die Belastung steige immer mehr. Arbeitstage von zehn bis zwölf Stunden seien die Regel, dazu pro Monat etwa neun Rufbereitschaftsdienste nachts und am Wochenende. Bei ihr fehlt so viel Personal, dass die Radiologie am Wochenende nachts schließen muss. "Es kann doch nicht sein, dass in der reichsten Großstadt Deutschlands akut kranke Kinder nicht mehr versorgt werden können", sagt von Schweinitz. "Die Frage ist: Was wollen wir uns als Gesellschaft für unsere Kinder leisten?"

© SZ vom 14.04.2018/axi
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