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Kommentar:Aus Egoismus mieterfreundlich

Neuried hätte nun die Chance, wohnungspolitisch kluge Weichenstellungen für die Zukunft zu treffen. Doch dazu müsste die CSU ihre Fundamentalopposition zu Konzepten wie genossenschaftliches Bauen aufgeben.

Von Johannes Korsche

Neuried hat sich mit der Bevölkerungsstudie vor allem eines erkauft: Zeit. Die sollte der Gemeinderat nun nutzen, um das unausweichliche Wachstum der Gemeinde zu gestalten - und nicht nur passiv zu bestaunen. Für eine "perfekte" Grundschule, die den Anforderungen in 15 Jahren schon heute entspricht, kam die Studie zwar zu spät. Aber sie kam noch rechtzeitig, um die Entwicklung der Ortsmitte zu beeinflussen. Denn der logische Schluss aus der Studie - gepaart mit der demografischen Entwicklungen - ist: Neuried sollte aus purem Egoismus dauerhaft bezahlbare Wohnungen bauen. Andernfalls könnte es passieren, dass in Neuried zwar viele Kinder leben, sich für deren Betreuung im Ort aber kein Personal finden lässt. Vor allem die CSU-Fraktion sollte daher die Zeit nutzen, ihre fast schon reflexhafte Opposition zu genossenschaftlichem und konzeptionellem Wohnungsbau zu überwinden.

Denn der Schatten des überhitzten Münchner Immobilienmarkts ist lang und macht an der Stadtgrenze nicht Halt. Auch in Neuried haben Investoren profitbedingt kein Interesse daran, günstige Wohnungen zu bauen. Und die Nähe zu München erlaubt es ihnen, auch in Neuried Mondpreise zu verlangen. Wie auf dem ehemaligen Hettlage-Gelände, wo die teuerste Wohnung laut Vermarktungswebseite knapp 930 000 Euro kostet, die billigste mehr als 500 000 Euro. Wie soll sich eine Erzieherin solche Kauf- oder die daraus resultierenden Mietpreise leisten können? Und in letzter Konsequenz: Warum sollte sie dann überhaupt eine Stelle in Neuried annehmen? Dabei ist die Antwort auf diese Frage für die Gemeinde entscheidend. Eine mit Erzieherinnengehalt bezahlbare Wohnung in direkter Nähe zum Arbeitsplatz wird bei der Wahl des Arbeitgebers ein wichtiges Argument sein.

Gemeindliche Belegungsrechte, wie sie sich Neuried auf dem ehemaligen Hettlage-Gelände gesichert hat, sind für das Problem der zu teuren Wohnungen keine Dauerlösung. Die Rechte laufen nach 25 Jahren aus. Mit anderen Worten: Man schiebt das Problem nur vor sich her, bis es einen einholt. Einen ähnlichen Ansatz auch in der Ortsmitte oder am Maxhofweg anzustreben, so wie es die CSU hat durchblicken lassen, grenzt daher an Politikverweigerung. Verkennt es doch die Möglichkeiten, die sich der Gemeinde bei der Gestaltung ihrer Zukunft bieten. Mit einer Konzeptausschreibung für die neuen Wohnungen der Ortsmitte und Genossenschaftswohnungen von "Raum Neuried" am Maxhofweg zöge man die richtigen Folgerungen aus der Bevölkerungsstudie. Dafür muss die CSU allerdings ihre Fundamentalopposition zu solchen Konzepten aufgeben. Wenn schon nicht aus politischer Überzeugung, dann zumindest aus dem kühlen Kalkül eines Arbeitgebers.

© SZ vom 27.08.2020

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