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Neuried:Ein Blick in die Zukunft

In zehn Jahren dürfte Neuried mehr als 10 000 Einwohner haben. Dann wird die Grundschule schon wieder zu klein sein

Von Johannes Korsche, Neuried

Ein bisschen haben Studien zur Bevölkerungsentwicklung ja etwas vom Blick in die berüchtigte Glaskugel. Aber die Zahlen, die Christian Rindsfüßer, Gründer und Leiter des Instituts für Sozialplanung, Jugend- und Altenhilfe, Gesundheitsforschung und Statistik (SAGS), für Neuried errechnet hat, ermöglichen wenigstens den klarsten Blick in Neurieds Zukunft. Aus der Studie, die die Gemeinde in Auftrag gegeben hat, gehen im Wesentlichen zwei Dinge hervor. Erstens wird die Grundschule in absehbarer Zeit zu klein. Und zweitens ist es nahezu unausweichlich, dass sich die Gemeinde von der selbst gesteckten Obergrenze von 10 000 Einwohnern verabschiedet.

Das liegt zu wesentlichen Teilen an den Wohngebieten auf dem ehemaligen Hettlage-Gelände und am Maxhofweg, wo von 2022 an neue Bewohner einziehen. Rechnet man diese Projekte weg, würden in Neuried künftig trotzdem stetig mehr Menschen leben. Denn auch im Würmtal wird nachverdichtet. Da wird aus einem Einfamilienhaus schnell mal ein Dreispänner, in dem dann auch drei Familien auf einem Grundstück wohnen. Den Zuzug beziehungsweise den Druck auf die Neurieder Wohnungen wird die Gemeinde ohnehin kaum mindern können. Bis 2030 rechnet eine Prognose des Münchner Planungs- und Wirtschaftsreferats mit bis zu 290 000 neuen Erwerbstätigen in der Region, die natürlich auch nahe am Arbeitsplatz wohnen wollen. Zum Beispiel in Neuried. Für Bürgermeister Harald Zipfel (SPD) ist klar: "2030 werden wir locker die 10 000 Einwohner überschreiten."

Aus den Nachverdichtungen und den bald fertigen Wohnungen in den Neubaugebieten leitet Rindsfüßer ab, dass vor allem unter 40-Jährige nach Neuried ziehen werden. Dass also ein Paar nach Neuried kommt, um dort eine Familie zu gründen, oder sich eine junge Familie vor den Toren der Landeshauptstadt niederlässt, werde die Zusammensetzung der Bevölkerung wesentlich bestimmen, so die Annahme. Daraus folgert Rindsfüßer "einen deutlichen Anstieg der Geburten". Lebten 2019 noch 218 Kinder unter drei Jahren in Neuried, geht Rindsfüßer davon aus, dass es nach stetigem Wachstum 15 Jahre später knapp 370 sein werden. Und wie das so ist, werden Menschen älter - und Kinder müssen in Kindertageseinrichtungen und in die Schule. Und da bekommt Rindsfüßers Studie kommunalpolitische Relevanz.

Oder wie es Gemeinderat Robert Hrasky (BZN), an Rindsfüßer gerichtet, formuliert: "Im Prinzip haben Sie uns gesagt: Fangen Sie mit einem neuen Schulbau an." Denn statt 324 Grundschulkindern, wie vor einem Jahr, werden 2034 laut Prognose knapp 500 Kinder die Schule besuchen. Es sei damit zu rechnen, dass eine fünfzügige Grundschule nötig werde, bestätigt Rindsfüßer. Zu viele Schüler und zu viele Klassen für die Räumlichkeiten der Neurieder Schule. Auch wenn der aktuell gebaute Teilneubau dann schon längst fertig sein sollte. Denn für mehr als 16 Klassen, also in etwa 420 Schülerinnen und Schüler, ist die Schule zu klein, sagt Zipfel. Zwar sei es vielleicht noch möglich, in den ein oder anderen Speiseraum mit einer Klasse einzuziehen, aber um eine Erweiterung komme man nicht herum. Nur wo? In einem ersten Gedankenspiel könne er sich vorstellen, den Sportplatz vor der Schule zu bebauen, sagt Zipfel. Der Sportplatz könnte dann kurzerhand aufs Dach ziehen.

Das größte Problem aber, mahnt Rindsfüßer, werden nicht fehlende Klassenzimmer sein. "Der limitierende Faktor wird aus meiner Sicht in zehn Jahren das fehlende Personal sein." Das liege daran, dass in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Im Vergleich dazu treten weniger Junge neu in den Arbeitsmarkt ein. Die Folge: Die Gemeinde braucht mehr Lehrkräfte, während es insgesamt weniger Erwerbstätige gibt. Da sei es wichtig, als Gemeinde ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, sagt Rindsfüßer. Eine "entscheidende Frage" könne er aber nicht beantworten, räumt der Statistiker ein: Wie wirkt sich die Corona-Pandemie langfristig auf die wirtschaftliche Lage aus? Denn das habe auch direkte Auswirkungen darauf, ob sich junge Paare ihren Familienwunsch, so sie ihn denn haben, erfüllen oder nicht.

© SZ vom 27.08.2020

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