Neuhausen/Nymphenburg Der Krake und die Kritik an der Kunst

Der Verein für Stadtteilkultur will erreichen, dass der Trafo-Neubau mit Werken von Künstlern aus dem Viertel geschmückt wird. Die Auswahl solle nicht einer Kommission, sondern den Bürgern überlassen werden

Von Sonja Niesmann, Neuhausen/Nymphenburg

Ein rosa Tintenfisch ist schuld an dem Streit. Einem Streit darüber, wie basisdemokratisch Entscheidungen über Kunst sein können - oder anders gesagt, ob bei Kunst jeder mitreden kann und soll. Losgetreten hat die Debatte der Verein für Stadtteilkultur Neuhausen-Nymphenburg. Er fordert bei der Kunst am Bau für den Trafo 2 genannten Kultur- und Bürgersaal, der voraussichtlich im Frühsommer 2019 öffnen wird, "Kunst aus dem Viertel für das Viertel". Konkret: Die Ausschreibung für den Wettbewerb soll offen für alle Neuhauser und Nymphenburger Kunstschaffenden sein; die Bürger entscheiden, welcher der präsentierten Entwürfe realisiert wird. Was herauskommt, wenn man dem üblichen Verfahren folgt, Wettbewerbsteilnehmer und Entscheidung also einer Fachkommission überlasse, merkt Vereinsvorsitzende Ingeborg Staudenmeyer spitz an, habe man ja erlebt: "Kunst, die wohl die wenigsten je zu Gesicht bekommen haben."

Der Pfeil zielt auf eine Installation des Videokünstlers Christoph Girardet an der Fassade des Gebäudes an der Nymphenburger Straße 171 - das Kunst-am-Bau-Projekt beim ersten Trafo-Abschnitt. Er beherbergt Stadtbibliothek, Volkshochschule und Geschichtswerkstatt. Tagsüber ist nur eine schwer lesbare Folie mit einem kulturpolitischen Essay zu sehen, am späten Abend aber wird das Aquarium-Fenster zur Projektionsfläche für Bilder aus der Tiefsee. Aus sieben Filmschleifen, jede etwa 50 Minuten lang, wählt von 22 Uhr an ein Computer nach dem Zufallsprinzip eine aus und wiederholt diese bis zum Abschalten um kurz vor 1 Uhr. In einer Schleife gibt es gar keine Bilder vom Kraken. Sollte der Zufallsgenerator also diese an einem oder gar mehreren Abenden hintereinander herauspicken, hält man vergeblich Ausschau und muss sich mit mattem Flimmern begnügen. In einer anderen Filmschleife taucht der rosa Krake nur einmal kurz auf.

Umstrittene Kunst in Neuhausen: ein rosa Krake, der sich rar macht.

(Foto: Christoph Girardet/OH)

Dass sich der Tiefseetintenfisch derart rar macht, hat Ingeborg Staudenmeyer schon vor zehn Jahren, noch als Vorsitzende des Neuhauser Bezirksausschusses, heftig umgetrieben. "Ein schwarzes Fenster, das hätte man billiger haben können", grollte sie damals. Girardet selbst begegnete der Kritik gelassen. Man dürfe seine Installation nicht mit den schnelllebigen Infoschnipseln auf Videoscreens in Bahnhöfen vergleichen, gab er zu bedenken, die Wahrnehmung der Kunst erfordere Geduld und Hartnäckigkeit. Sein Werk reflektiere die Funktion des Gebäudes: Bildung, Forschung, Kommunikation. Das müsse man sich erarbeiten, "das ist nicht ohne eigenen Einsatz zu haben, inklusive Rückschläge".

Ihren Einsatz für eine bürgernähere, sich leichter erschließende Kunst untermauern Staudenmeyer und ihr Stellvertreter Wolfgang Schwirz mit einem in ihren Augen schlagkräftigen Argument: "Dem Sonntagswort von der Bürgerbeteiligung, die alle Parteien vertreten, sollen nun Taten folgen." Vorbild könne die Bürgerbeteiligung bei "Kunstprojekte Riem" zur Jahrtausendwende sein. Der Vergleich hinkt freilich, denn dort war die Ausgangslage viel komplexer und der Einfluss der Bürger eher indirekt. Damals wurde der Anteil für Kunst am Bau der gesamten Infrastruktur der ersten Messestadt-Bauabschnitte, einige Millionen Euro, in einen Topf geworfen. Eine Kuratorin wurde eingestellt, die ausgewählten Künstlern das Viertel zeigte und erklärte, damit nicht beliebige, sondern zum neuen Stadtquartier passende Kunst entstehen konnte. Ihre Vorhaben, darunter auch nur Temporäres, haben die Künstler dann mit Bürgern diskutiert.

Das Bodendenkmal für Rainer Werner Fassbinder vor der Freiheiz-Halle, von manchen als "Teerpfütze" geschmäht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Diskutiert über die Forderung des Vereins hat am Dienstagabend auch der Neuhauser Bezirksausschuss (BA), sehr kontrovers und streckenweise in ziemlich gereiztem Ton. BA-Vorsitzende Anna Hanusch (Grüne) wies darauf hin, dass im Fall des Trafo 2-Saals wegen der verhältnismäßig geringen Summe für Kunst am Bau nicht die große Quivid-Kommission tätig werde, sondern nur ein Dreiergremium. Dessen Arbeit könne man sicher "etwas aufbrechen", indem alle Ideen und Entwürfe auch öffentlich vorgestellt werden, Kritik und Anregungen der Neuhauser in die Entscheidung einfließen. Von einem Alleingang des Vereins würde sie eher abraten. Denn dieser müsse dann, so habe sie es einem Telefonat mit dem Kulturreferat entnommen, ohne Betreuung durch die Verwaltung agieren und sei letztlich verantwortlich für "die sachgerechte Vergabe von 30 000 Euro öffentlichem Geld".

Auch Ina Kügler (Grüne) fand, Bürgerbeteiligung sei in Ordnung, aber urteilen sollte schon eine Fachjury: "Wenn mein Auto kaputt ist, bring' ich es schließlich auch zur Werkstatt und frag' nicht meine Nachbarn um Rat." Die CSU dagegen unterstützt Staudenmeyers Vorstoß. Ihr Sprecher Leo Agerer schlug vor, der Kulturverein solle bis Ende Dezember ein Konzept entwickeln, das ortsansässige Künstler und ein "Bürgerinnen- und Bürgervoting" ins Verfahren einbezieht. Die SPD wiederum will dem Verein keinen Freifahrtschein ausstellen. "Er kann gerne ein Konzept vorlegen, dann schauen wir uns das an und sagen ja oder nein. Oder er kann mitberaten im Fachgremium", trat Otmar Petz auf die Bremse. "Ich mach' mir überhaupt keine Arbeit, wenn hier heute Abend nicht klar gesagt wird, ob der BA Bürgerbeteiligung wünscht", zürnte Ingeborg Staudenmeyer.

Eine Kommission namens Quivid

Ein Mauerstein bei kommunalen Bauvorhaben in München - ob es Kindergärten, Schulen, städtische Verwaltungsgebäude, Kulturbauten, U-Bahnhöfe, neue Grünanlagen und manchmal sogar Kanalbauten sind - ist seit drei Jahrzehnten Kunst am Bau. Bis zu zwei Prozent der Summe, die das Bauwerk selbst kostet, werden dabei für zeitgenössische Kunst ausgegeben. Das können Skulpturen, Glasfenster, Lichtinstallationen, Fotoarbeiten, gestaltete Böden oder Wände sein oder aber, um nur einige bisher realisierte Werke aus der umfangreichen Liste aufzuzählen: "2 x 300 lackierte Buchenholzstäbe drehbar", eine "goldbedampfte Zeltplane", eine "Vitrine aus Fichte, Glas, Einmachgläser, Glukose, heimisches Obst aus dem Raum München" und sogar die "Installation von Rasensegmenten mehrerer Spielfelder berühmter WM-Stadien auf die zwei Spielfelder der SpVgg Feldmoching". Auftraggeber ist in der Regel das Baureferat. Beraten wird es seit 1985 von der "Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum", genannt "Quivid", einem ehrenamtlichen Gremium, das mehrheitlich mit externen Kunstfachleuten besetzt ist. Diese werden in Abstimmung mit dem Kulturreferat vom Stadtrat berufen. Weiterhin gehören der Kommission Stadtratsmitglieder der großen Fraktionen an, der oder die Vorsitzende des jeweils betroffenen Bezirksausschusses sowie ein freischaffender Architekt. Die jeweiligen Planer sind ebenfalls stimmberechtigte Mitglieder von Quivid. Die Kommission wählt die Teilnehmer der Kunst-am-Bau-Wettbewerbe aus und kürt die Sieger. son

Ein Votum bekam sie nicht. Das Gremium vertagte eine Entscheidung, es will in der November-Sitzung noch einmal in die Diskussion eintauchen.