Neuhausen/Nymphenburg:"Die Regeln haben uns wahnsinnig gemacht"

Wegen Corana-Virus geschlossener Sportplatz in München, 2020

Rund 1300 Mitglieder hat der ESV München während der Pandemie verloren, als Vereinssport stellenweise nicht mehr möglich war.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bei der Konferenz der Sportvereine klagen Verantwortliche über unklare Corona-Auflagen und Ungleichbehandlung. Der ESV München hat während der Pandemie etwa 1300 Mitglieder verloren

Von Ilona Gerdom, Neuhausen/Nymphenburg

Drei Biertische vor einer Sprossenwand, daneben ein Mattenwagen, davor an die dreißig Plastikstühle: So hat eine der Sporthallen des TSV Neuhausen-Nymphenburg am Montagabend ausgesehen. Der Grund: Der Bezirksausschuss (BA) Neuhausen-Nymphenburg hatte zur Sportvereinskonferenz geladen. Vereine des Stadtbezirks hatten die Gelegenheit, mit Vertretern des Sportamts und des Bayerischen Landessportverbands (BLSV) ins Gespräch zu kommen. Im Mittelpunkt stand Corona.

Am Anfang versucht Beppo Brem vom BLSV es ohne Mikrofon. Aber im Vereinsgebäude wird trotz des Treffens fleißig trainiert. Durch die offene Tür hört man Musik, in der Halle nebenan donnern Bälle auf den Boden. Also muss Brem doch zum Stimmverstärker greifen. Aus dem, was "beim Verband ankommt", sei die Pandemie in den vergangenen eineinhalb Jahren "bestimmendes Thema" gewesen. Mit Infektionsrisiko und den entsprechenden Bestimmungen war es "schlichtweg sehr schwierig, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten", erklärt Brem. Besonders schlimm sei es gewesen, als der zweite Lockdown gekommen sei, bestätigt Jürgen Sonneck, Leiter des städtischen Sportamts: "Dann war plötzlich alles dicht."

Die etwa 20 Gäste nicken zustimmend. Als Vereinsvorstände und -mitarbeiter haben sie das hautnah miterlebt. Viele wollen an diesem Abend ihre Erfahrungen teilen. Da ist zum Beispiel Klaus Neumann vom TSV Neuhausen-Nymphenburg, der von der großen Verunsicherung berichtet. Man habe einfach nicht gewusst, welche Anforderungen erfüllt werden müssen und wie man sie umsetzen soll. "Die Regeln haben uns wahnsinnig gemacht", pflichtet Frederic Pauvert vom BC Hellenen bei. Und auch Brem sagt: "Natürlich waren wir nicht glücklich." Vonseiten der Vereine habe es "ganz praktische" Fragen gegeben. Aber die zu beantworten sei nicht leicht gewesen: "Letzten Endes waren wir sehr oft selbst verzweifelt." An den Entscheidungen sei der BLSV auch nicht beteiligt worden. Stattdessen seien sie von der Staatskanzlei getroffen worden: "Leute, die Ahnung haben, wurden nicht gefragt." Alle im Raum können sich noch gut erinnern: Mittwochs seien die neuen Bestimmungen bekannt gegeben worden, den Freitag habe man dann damit verbracht, den Beschluss zu lesen und sich einen Reim darauf zu machen. Danach wurde im Referat für Bildung und Sport (RBS) diskutiert. "Es galt, einen pragmatischen Weg zu finden", sagt Sonneck. Man habe immer versucht, die Auflagen "so weit wie möglich auszulegen", um Sport möglich zu machen. Sowohl die Vereinsvertreter als auch Sportamt und BLSV sind sich einig: Oft waren die staatlichen Beschlüsse widersprüchlich. Die Kommunikation hätte insgesamt besser laufen können.

Im Gespräch kristallisiert sich außerdem heraus, dass es etwa Unterschiede gab zwischen großen und kleinen Vereinen. Gerade finanziell könne man hierbei sehen, wer eher Gewinner und wer Verlierer sei. Viele kleine Vereine haben ihre Hallen beispielsweise von der Stadt gemietet und konnten die Zahlungen in der Pandemie aussetzen. Für andere wie zum Beispiel den ESV war es deutlich schwieriger. Bei mehr als 7000 Mitgliedern habe man nicht nur Hallen-, sondern auch Personalkosten, erklärt die frisch gewählte Präsidentin Birgit Unterhuber. Letztlich musste der Verein seine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken: "Es war eine schwere Zeit. Das muss man schon sagen." Und vorbei ist sie noch nicht: Der ESV hat während der Pandemie etwa 1300 Mitglieder verloren. Das liege vor allem daran, dass viele im Lockdown gemerkt hätten, dass sie Individualsport auch außerhalb eines Vereins betreiben können. Gleichzeitig habe sich mit Online-Programmen auch "eine Chance für neue Konzepte ergeben".

Am Ende wollten Vereinsvertreter wissen, warum manche Outdoorplätze von Bildungseinrichtungen nach Schulschluss nicht bespielt werden dürfen. Laut RBS können die Areale wegen des Lärmschutzes nicht genutzt werden. Allerdings wies Wolfgang Schwirz (CSU) als Mitglied des Bezirksausschusses Neuhausen-Nymphenburg an der Stelle auf das Stadtbezirksbudget hin. Damit kann das Gremium kleinere Anschaffungen und Projekte fördern: "Wir sind immer gern bereit dazu."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB