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Neue Heimat:Laute Musik ist eher eine Einladung für Polizisten als für Nachbarn

Die Bayern können wirklich auffällig tolerant und aufgeschlossen sein, wenn sie das wollen. Aber beim Feiern von Festen gibt es ganz eigene Regeln.

Ein Fest kann in Bayern zu einer gewaltigen Herausforderung werden, speziell dann, wenn man vorhat, afrikanische Gäste zu sich nach Hause einzuladen. In Uganda sind es die Leute gewöhnt, dass Hochzeiten oder Geburtstage in der Nachbarschaft gefeiert werden und dass es dabei besonders laut zugehen muss. Ganz nach dem Prinzip: Je lauter es bei einer Feier ist, desto mehr lohnt es sich hinzugehen, sagen sie in Uganda. In Bayern sehen das die Leute jedoch etwas anders.

In diesem Sommer wird in der Region um München besonders oft geheiratet. Und eine Hochzeit ist der bestmögliche Anlass, um eine große Party zu schmeißen. Vor ein paar Wochen war ich etwa auf einer afrikanisch-bayerischen Hochzeit in Freising eingeladen, bei der eine Freundin aus Uganda ihren Verlobten aus Deutschland heiratete.

Ich habe mich geehrt gefühlt, weil die Verwandten des Bräutigams nicht in Lederhosen und Trachtenanzug gekommen sind, sondern in bunten afrikanischen Gewändern, wie sie die Menschen in Uganda zu einer Hochzeit tragen würden.

Die Bayern können wirklich auffällig tolerant und aufgeschlossen sein, wenn sie das wollen. Auf der Hochzeit in Freising war alles sehr afrikanisch, es gab fast ausschließlich ugandische Speisen, zum Beispiel gedünsteten Bananenbrei. Den einheimischen Gästen schmeckte das ganz vortrefflich, und wenn es anders war, dann ließen sie es sich nicht anmerken. Ehrlicherweise ging es mir selber so, dass mir kulinarisch gesehen etwas fehlte. Ich habe mich einfach zu sehr an Knödel und Weißbier gewöhnt.

Ja, auch wir Afrikaner sind Gewohnheitsmenschen, wir haben uns beispielsweise daran gewöhnt, dass wir traditionell zu spät kommen, auch wenn jemand zu einer Party eingeladen hat. Und weil wir Afrikaner erst so spät mit dem Feiern anfangen, wollen wir eine Party deswegen so lange wie möglich in den nächsten Tag reinziehen.

Bayern hat beim Feiern von Festen seine ganz eigenen Regeln

So richtig in Schwung kommen wir eigentlich erst dann, wenn man in Bayern aus einem Bierzelt geschmissen wird, also ziemlich genau um Mitternacht. Der Sonnenaufgang ist kein Grund für einen Afrikaner, von einer Fete heimzugehen, eigentlich hören wir Ugander erst dann freiwillig mit dem Feiern auf, wenn es keine Getränke mehr gibt und nichts mehr zu essen.

Aber - wie eigentlich überall - hat Bayern natürlich auch beim Feiern von Festen seine ganz eigenen Regeln.

Wie zu erwarten begann die Hochzeit meiner Freundin drei Stunden später als in der Einladung stand. Zum Glück waren die einheimischen Gäste so geduldig, dass sich niemand deswegen ärgerte. Und so ging es - erwartungsgemäß - bis spät in die Nacht hinein, und je weiter sich der Uhrzeiger drehte, desto lauter wurde es im Garten.

In Uganda wäre das für die Nachbarn ein Zeichen dafür, alles stehen und liegen zu lassen und mitzufeiern. In Bayern ist laute Musik aber leider nicht als Einladung für die Nachbarn zu verstehen, sondern eher als Einladung für die Polizei.

Mit etwas Pech wäre wohl wirklich die Freisinger Polizei angerückt und hätte das Fest aufgelöst. Zum Glück haben die Nachbarn aber nicht sofort die 110 gewählt, sondern sind selbst herübergekommen. Allerdings nicht, um mit uns ein Glas ugandischen Wein zu trinken, sondern um sich über die Lautstärke zu beschweren. Wir waren gerade mitten in einem afrikanischen Tanz, als plötzlich die Musik ausging.

Wir haben nicht protestiert, weil es nicht so schön ist, wenn man auf einer Party ist und von den Männern in den beigen Hemden und grünen Mützen abgeholt wird. Da sich die Bayern wahrscheinlich nicht nach unseren afrikanischen Gewohnheiten richten werden, müssen wir beim nächsten Mal vielleicht einfach ein bisschen pünktlicher sein.

Übersetzung aus dem Englischen: koei

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Die Autorin: Lillian Ikulumet, 36, stammt aus Uganda. Bis 2010 arbeitete sie dort für mehrere Zeitungen, ehe sie flüchtete. Seit fünf Jahren lebt Ikulumet in München.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Ikulumet für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite...