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Neue Heimat:Die Barbarei des Küssens

Für Akintola ist der Handschlag die Vorstufe einer Umarmung oder eines Kusses.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für jede Gelegenheit gibt es im Südwesten Nigerias eine eigene Grußformel. Dass bei der Begrüßung Küsse ausgetauscht werden, kannte unser Kolumnist dagegen lange Zeit nur aus Filmen.

Beim nigerianischen Handschlag wandert die Handfläche nach dem Einschlagen bis zum Ellenbogen des anderen. Zumindest wird das im östlichen Teil des Landes so gemacht, und zwar dann, wenn man sein Gegenüber zum Kampf auffordern will. Bei einem eingefleischten Bayern ist das etwas anders. Wenn einem hier jemand die Hand gibt, dann will er dich nicht übers Knie legen, der Handschlag ist in Bayern eher so etwas wie die Vorstufe einer Umarmung oder eines Kusses.

In Nigeria schauderte mir immer, wenn ich in westlichen Filmen zusehen musste, wie Europäer untereinander Küsse austauschten wie Waren auf einem Handelsplatz. Als ob das auch nur annähernd an die Realität herankommt, dachte ich damals. Als ich in Deutschland ankam, habe ich die wirkliche Realität gesehen.

Ich beobachtete unzählige Menschen dabei, wie sie sich auf der Straße küssten, auf Wange, Mund und Hals, oft mehrmals hintereinander - egal, ob andere dabei zuschauten. Am liebsten, so mein Eindruck, küssen und umarmen sich die Deutschen an Bahnhöfen, kurz bevor ein Zug losfährt. Das Griaßde und Pfiade ist dann fast immer mit einer Berührung verbunden. In Nigeria verabschiedet man sich mit einer kurzen Handbewegung in die Luft und sagt Good bye.

Man möge es mir verzeihen - aber diese europäische Form der Gruß-Kultur ist mir immer noch fremd. Das liegt nicht an den hygienischen Bedenken, die man bei so einer Begrüßung vielleicht haben könnte. Ich denke, es liegt eher an meiner Erziehung. In der Schule wurde gelehrt, dass Küsse in der Öffentlichkeit barbarisch sind - selbst bei Paaren, die seit vielen Jahren verheiratet sind.

Meine Eltern habe ich etwa noch nie dabei erwischt, wie sie sich geküsst haben. Wenn man einem Familienmitglied einen Kuss gibt, dann wird das in den meisten afrikanischen Kulturen als bizarre moralische Verdorbenheit gesehen. Und auch wenn ausgewanderte Afrikaner in der Heimat von der westlichen Kuss- und Umarmungskultur erzählen: Wirklich geändert hat das an den Ansichten in meiner Heimatregion nichts.

Ich bin Südwest-Nigerianer, und uns wird nachgesagt, beim Gruß besonders streng und akribisch zu sein. Wir grüßen so lange, bis der Gruß den Begrüßten zermürbt hat und er ihn erwidert. Untereinander grüßen wir pausenlos, für jede Gelegenheit gibt es eine eigene Formel - sogar dafür, wenn man von der Toilette zurück ins Büro kommt. In Bayern habe ich das anfangs noch so gemacht.

Mich beschleicht jedoch zunehmend das Gefühl, dass die Leute damit überfordert sind. Manche wissen nicht, wie sie zurückgrüßen sollen. Andere sind so sehr in Arbeit vertieft, dass sie gar nicht merken, wenn jemand vorbei geht und Servus sagt. Erst hielt ich die Leute für Snobs, mittlerweile weiß ich, dass diese Art zur deutschen Workaholic-Philosophie dazugehört.

Je länger ich in Oberbayern lebe und den Einheimischen zusehe, desto mehr gewinne ich den Eindruck, dass wir in Nigeria übertreiben. Ich erinnere mich etwa schmerzhaft daran, wie mich meine Mutter ohrfeigte, weil ich meinen älteren Bruder bei seinem Namen rief, ohne ihn vorher als "Brother" anzusprechen. In Nigeria wird der Ältere bei der Anrede betitelt - und man muss sich vor ihm verbeugen. Für einen Deutschen mag das altertümlich klingen, aber in weiten Teilen Afrikas ist es wirklich noch so.

Meine Schwestern beschwerten sich immer darüber, dass ihre fein verzierten Kleider schmutzig wurden, wenn sie sich auf den Erdboden knieten. Ich selbst hatte oft starke Brustschmerzen - ein Resultat des Verbeugens und Niederwerfens vor meinen Eltern. Ich kam mir oft vor, wie eine Eidechse, die unglückselig herumschleicht. In solchen Zeiten hätte ich mir gewünscht, wenn ich mal einfach nur Servus oder Grüß Gott hätte sagen dürfen.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.