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Neue Heimat:Krüge groß wie Elefanten

Maß auf dem Münchner Oktoberfest, 2006

Gut eigschenkt? Schlecht eigschenkt? Schauma moi.

(Foto: CATH)

Ein Zelt, das von dicken Seilen gehalten wird, Menschen in Lederhose, ein Spaßmacher mit grobem Dialekt: Unser Kolumnist war überrascht und angetan von der bayerischen Art zu feiern.

Das Stoffkonstrukt haben sie diesmal in dem kleinen, nicht ganz so einfach zu erreichenden Dorf Glonn bei Grafing aufgestellt. Es ist einer jener Orte, wo ich derzeit als Berichterstatter unterwegs bin. Und es war der Ort eines meiner ersten Rendezvous mit der bayerischen Gesellschaft in seiner geballten Form. Um diese Intensität zu spüren, reicht es nicht, über den Marktplatz zu schlendern oder in eine Kneipe zu gehen. Nein, dafür muss man sich in ein Bierzelt setzen.

Das Bierzelt der Bayern ist die wahrscheinlich ausgeklügeltste Form des Outdoor-Events. Das Zelt in Glonn kam mir vor wie eine afrikanische Bambushütte, wo das Leben pulsiert und wo die Wände und die Decke prächtig dekoriert sind. Nur dass es nicht ganz so bunt und zufällig zugeht wie in Nigeria:

Die Bänder und Verzierungen an der Decke waren in Glonn in blau und weiß gehalten. Jeder Kranz und jedes Band hing genau an der Stelle, wo es hängen sollte. Wenn es um exakte Vorbereitung geht, dann verstehen die Bayern keinen Spaß. Danach muss es aber um die Gaudi gehen, wie man hier sagt, oder wie die englischen Kolonialisten es einst ausgedrückt hätten: "All work and no play, makes Jack a dull boy": Wer immer nur arbeitet und nie spielt, wird zum Langweiler.

Ich hatte gerade erst das Zelt betreten, da fielen mir die Halteseile auf, dick wie Kuhstricke. Das Bild erinnerte mich an meinen ersten Bierzeltbesuch überhaupt, nur dass ich damals nicht wusste, dass die Zelte als Behausung zum Biertrinken gedacht sind. Das war in Landshut, im Sommer 2015, als ich und viele meiner Brüder in Deutschland ankamen. In Landshut war das Zelt mit ähnlichen Seilen gespannt, nur dass drinnen keine Bayern saßen, sondern dass dort etwa 1000 Flüchtlinge mit Plastiktaschen und Rucksäcken untergebracht waren.

In Glonn saßen die Leute auf Bierbänken, und ein lokaler Komödiant in Lederhose erzählte Witze auf einer Bühne. Die meisten trugen Zivilkleidung, einige hatten ihre Tracht an, bei der ich mich gelegentlich in die frühe Zeit der Cowboys zurückversetzt fühle. Ein Gitarrist begleitete den Spaßmacher zu seinen Geschichten, und trotzdem tat ich mich schwer mit der überschwänglichen Heiterkeit der Leute. Ich grübelte über die einzelnen Worte nach, aber es ist sehr kompliziert, Witze zu verstehen. Der grobe baierische Dialekt, der hier die Luft erfüllte, bereitete mir eher Kopfschmerzen.

Bei Situationen, in denen man nichts versteht, hilft in Bayern nur eins. Es ist ein Allheilmittel. Als der Komödiant endlich zur Pause bat, bestellte mein Sitznachbar zwei riesige Humpen Bier. In meinem Glas war mehr drin als in seinem, was meinen Sitznachbarn, einen Eingeborenen, etwas ärgerte, glaube ich. Dafür waren auf beiden Tellern gleich viele Würste, vier an der Zahl, sie zischten vor sich hin. Dazu kam eine Spezialität, die ich bis dato nicht kannte: Sauerkraut, meine kulinarische Neuentdeckung an diesem Abend und die perfekte Ergänzung zu einem Liter Bier.

Mein Krug war schnell leer, doch Bier geht in einem Bierzelt nie aus. Vom Zeltende kamen die Bedienungen alle paar Minuten mit sechs bis acht elefantengroßen Krügen auf einmal. In einer Zeltecke beobachtete ich eine zierliche junge Frau, der man kaum zutrauen mochte, einen vollen Masskrug überhaupt hochzuheben. Plötzlich packte sie den Krug und leerte sich den Inhalt in zwei Zügen in die Kehle. Wow!

Wer mit Bier umgehen kann, der hat es einfacher, zumindest in einem Bierzelt. Außerhalb wird einem nun mal nicht immer nur das Gefühl vermittelt, willkommen zu sein. Wenn in Ebersberg aber an diesem Freitag das Volksfest beginnt, dann habe ich da weniger Bedenken. Das Schöne ist, dass die Leute im Bierzelt ihr Nationalgetränk und ihre Fröhlichkeit gerne mit anderen teilen.

Übersetzung aus dem Englischen: koei

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.