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Neue Heimat:Beten, wenn andere brutzeln und Bier trinken

Muslime in Indien

Muslime beten zum Ramadan.

(Foto: dpa)

Während des Ramadan sind in der Heimat unseres afghanischen Kolumnisten die Schulen geschlossen und die Erwachsenen arbeiten weniger. In Bayern lebt er beim Fasten dagegen wie in einer kleinen Parallelwelt.

Ramadan in Deutschland und Ramadan in Afghanistan - das sind zwei komplett verschiedene Dinge. In Afghanistan fasten 95 Prozent der Erwachsenen. Die Büros sind eine Stunde kürzer geöffnet; in meiner Heimatstadt Kundus sind während des Ramadan sogar einen Monat lang Schulferien. In München pulsiert tagsüber das Leben -, wo ich herkomme, gehen die Leute hingegen erst am Abend einkaufen. Die Münchner haben in diesen Wochen Sonnenbrand und Bierdurst. Und die Muslime haben weiße Lippen, weil sie den ganzen Tag nichts getrunken haben.

In Deutschland müssen wir länger fasten als in Afghanistan, denn die Sonne geht später unter. Dafür müssen wir hier keine Angst vor Anschlägen haben. Wir können unbesorgt in die Moschee gehen, die Münchner hindern uns nicht daran - anders als meine Landsleute in der Heimat in Kundus. Ein typischer Tag während des Ramadan in meinem neuen Leben in München ist wie ein Tag in einer kleinen Parallelwelt.

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Um 2.30 Uhr, wenn in der Stadt alles schläft, stehe ich auf, esse und trinke. Dann putze ich mir die Zähne und lese bis 4.30 Uhr im Koran. Es folgt das erste Gebet des Tages, dann wird bis neun Uhr geschlafen. Wer eine feste Arbeit hat, der muss natürlich früher aufstehen, die meisten Stadtbewohner sind jetzt schon im Büro. Wenn ich bei meinen Eltern in einem Münchner Vorort bin, dann schauen wir nach dem Aufstehen afghanisches Fernsehen, nicht über das TV-Gerät, sondern per Internet. Während die Leute im Englischen Garten in der Sonne brutzeln, folgt bei uns das dritte Gebet des Tages. Draußen wird gegrillt. Und bei uns heißt es weiter: warten. Das ist Teil meiner Kultur und meines Lebens.

Um so seltsamer war es für mich anfangs, das Ritual in Deutschland zu vollziehen, auch weil in Bayern immer wieder Kirchenglocken läuten, während wir aus dem Koran lesen. Am Abend, gegen halb zehn, setzen wir uns dann zusammen auf den Teppich und warten auf das Signal zum Iftar, dem Fastenbrechen. In Afghanistan ertönt der Ruf des Muezzin; hier schaut man auf die Handyuhr. Wenn es soweit ist, beten alle still für sich. Danach wird gegessen und getrunken, Obst und Saft. Es ist wichtig, nicht zu schnell und zu viel zu essen, weil man sonst Magenprobleme bekommt.

Das mag einem Einheimischen befremdlich vorkommen. Genau wie es mir anfangs eigentümlich erschien, dass sie in einer katholischen Kirche am Altar öffentlich Messwein trinken. Wer strumpfsockig in einer bayerischen Kirche rumläuft, den würden die Leute schön blöd anschauen, in muslimischen Gotteshäusern sollte man das jedoch so halten - und man sollte unbedingt vermeiden, dort Wein zu trinken. Wer in der Nähe einer Moschee wohnt, der geht im Ramadan nach dem Essen meist auch dort hin. Das ist aber keine tägliche Pflicht, ich mache das zweimal in der Woche. Vor Mitternacht wird dann noch einmal gebetet, dann gehen alle schlafen. Und um halb drei in der Früh geht alles wieder von vorne los.

Ramadan ist der wichtigste Monat im Jahr für uns Muslime. In diesem Monat hatte der Prophet sein erstes Offenbarungserlebnis. Kurz vor Ende des Fastenmonats an diesem Samstag findet dann noch Lailat al-Qadr statt, die Nacht der Bestimmung. In dieser Nacht versuchen die Menschen, ohne Schlaf auszukommen, so wie der Prophet das tat. Anstatt fernzusehen, wird die ganze Zeit gebetet und gelesen. Das kann sich manchmal ganz schön hinziehen, und man muss aufpassen, dass man nicht einschläft. Das wäre peinlich - da ist es praktisch, wenn einem in Bayern das Glockenläuten der Kirchen beim Wachbleiben hilft.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München

Der Autor: Nasrullah Noori, 27, stammt aus Kundus in Nordafghanistan. Er arbeitete dort als Journalist fürs Fernsehen, unter anderem für den staatlichen Sender RTA. Wegen seiner Berichte über Mädchenschulen erhielt er von der Taliban-Miliz Morddrohungen und musste fliehen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in München.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Noori für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.