Neue Heimat "Hawedehre, Drecksau gscherte"

Im Wirtshaus gelten andere Regeln der Begrüßung als bei der Arbeit.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Mit den bayerischen Grußformeln ist es so eine Sache, musste unser Kolumnist aus Syrien feststellen. Aber am Ende ist es stets lieb gemeint.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Griaß di! Servus! Hawedehre! Bei den Grußformeln der Bayern kann man ganz schön durcheinander kommen. Ist ein "Servus" so vertraulich gemeint, dass man mit dem anderen per Du ist? Und was ist, wenn jemand gleich zwei oder drei Grüße hintereinander verwendet. Begrüßt mich da einer und verabschiedet sich sogleich wieder? Oder hat der Dreiklang eine ganz andere Funktion? Bei einem meiner ersten Vorstellungsgespräche in München wollte ich es besonders gut machen, weswegen ich mein Gegenüber mit "Griaß di" begrüßte. Mein Gesprächspartner blickte erstaunt auf und fragte: Sind wir Freunde? Die Peinlichkeit ließ mich erröten.

Man behilft sich in solchen Momenten mit einer Erweiterung der Ursprungsformel. "Griaß Eahna". Als ich neu hier war, irritierte mich das, und ich erklärte, dass ich nicht Erna hieße. Es war der Tag, an dem ich die distanziertere Variante von Griaß di kennenlernte. Und nicht zuletzt: Pfiad di, was einmal zu einem Missverständnis beim Telefonieren führte. Ich dachte, es heißt "fertig" und wartete nun vergeblich auf die Verabschiedung, während der andere auflegte.

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So charmant Bayerns Grußformeln durchaus sein können, so derb geht es dabei manchmal zu. Im Bierzelt grüßt man sich bisweilen mit "Hawedehre, Dregsau gscherte" oder mit "Servus, du oide Schoaßwiesn", was beides nicht sonderlich höflich klingt, aber nicht als Kritik zu verstehen ist. Im Gegenteil: Es ist eine Kommunikationsform, die große Zuneigung und Vertrauen ausdrückt, was man daran erkennt, dass der Begrüßte nie seinen Maßkrug nach dem Grüßenden wirft.

In Syrien gibt es im Prinzip nur zwei Arten von mündlicher Begrüßung: "Salam aleikum" heißt Grüß Gott, "Ma Aslama" heißt Auf Wiedersehen. In Bayern ist das Begrüßungswesen deutlich komplizierter. Mal klopft man sich auf die Schulter, mal gibt man sich die Hand oder umarmt sich, die Frauen meistens mit Küsschen. In Syrien begrüßt man Frauen nur mit Worten, Berührungen sind tabu.

In meiner Heimat umarmt man - wenn überhaupt - nur seine Partnerin, und nur im Geheimen, hinter Türen und Vorhängen. Männer hingegen schütteln sich die Hand, oft schwungvoll, weswegen ein kräftiger Oberarm von Vorteil ist. Meist folgt ein Kuss links und einer rechts auf die Wange. In Deutschland habe ich einmal einen Kumpel mit einem Kuss begrüßt. Seine Reaktion: "Bist du schwul?" Das war zwar nicht ganz ernst gemeint, und doch drückte es eine gewisse Irritation aus.

"Grüaß di Gott, Grüaß di Gott, das hör i so gern / aber beim Pfiat di Gott, aber beim Pfiat di Gott, da muaß i glei reahrn." Wer diese Volksliedstrophe aussprechen kann, der hat schon viel über diese Sprache und ihre Grußformeln gelernt. Sie gehören zum Bayernland wie die Semmeln, in die sie eine undefinierbare Fleischmasse klemmen. Ist es doch mit dem Leberkäs wie mit den bayerischen Grußformeln: Man weiß nicht so recht, was genau alles drin steckt, aber am Ende ist es stets lieb gemeint.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.