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Nachruf:Kämpferin gegen den Forschungsreaktor

Wondrak

„Bei allen Kontroversen, die wir hatten, ich habe sie immer geschätzt“, sagt der frühere TU-Präsident Wolfgang Herrmann über Ingrid Wundrak.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ingrid Wundrak, Grünen-Stadträtin in Garching und Umweltaktivistin, ist im Alter von 72 Jahren nach längerer Krankheit gestorben.

Sie wurde als Mutter Courage bezeichnet, als Rebellin. All das trifft sie gut. Ingrid Wundrak war eine Kämpferin. Der Widerstand gegen den Forschungsreaktor München II, der 2005 in Garching in Betrieb genommen wurde, war ihr Lebensthema. Aber sie setzte sich auch für mehr Gerechtigkeit, für Bäume, für Holzfenster, für erneuerbare Energie, für mehr Sonne im Kindergarten und viele andere Dinge ein. Ingrid Wundrak, Mitbegründerin der Grünen und bis zuletzt Stadträtin in Garching, ist am Samstag im Alter von 72 Jahren nach längerer Krankheit im Kreis ihrer Familie gestorben.

Der Forschungsreaktor hat einen wesentlichen Teil ihres politischen Lebens bestimmt. Sie hat gerne davon erzählt, wie sie Anfang der Neunzigerjahre mit "Nadelstichen", vom bayerischen Ministerpräsidenten bis zum TU-Präsidenten, alle geärgert habe und wie sie und ihre Mitstreiter umgekehrt als "Rentner, Hausfrauen und Studenten" diffamiert wurden. Den Forschungsreaktor München II, der das alte Atomei ersetzen sollte, lehnte sie vor allem wegen der Nutzung mit hochangereichertem Uran ab, das als waffenfähig gilt. Es folgten Demonstrationen, Sonntagsspaziergänge, Podiumsdiskussionen. Manches aus ihren Erzählungen klingt wie ein Krimi. Etwa, wie der Verfassungsschutz die Gegner observierte, oder auch, wie ihr Sohn in der Schule angeblich mit schlechteren Noten bestraft wurde. Doch letztlich blieb der Kampf vergeblich.

Zwar erstritten sich die Gegner noch vor Gericht das Recht auf zwei Bürgerentscheide, aber die Entscheidung war gefallen. Da änderte es auch nichts mehr, dass 50,5 Prozent der Garchinger 1999 forderten, die Stadt solle "alle rechtlichen Möglichkeiten gegen den Reaktor" ergreifen. Ein Pyrrhussieg für die Gegner des Reaktors, dessen Bau fortgesetzt wurde. Lediglich bei den Sicherheitsvorkehrungen konnten Wundrak und ihre Mitstreiter noch Verbesserungen erreichen, etwa die 1,80 Meter dicke Mauer, die auch Flugzeugabstürzen trotzen soll.

Garchings Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) würdigt Ingrid Wundrak als "echtes Exemplar der 68er-Generation" und betont, dass die Stadt ihr viel zu verdanken habe. Mit Hochachtung erinnert sich auch ein früherer Gegner an Wundrak. "Bei allen Kontroversen, die wir hatten, ich habe sie immer geschätzt", sagt der ehemalige TU-Präsident Wolfgang Herrmann. "Sie war eine Frau mit Haltung, und sie hatte Anstand." Obwohl es hoch herging im Streit um den Reaktor und sie ihn in Leserbriefen etwa als "Atomfuzzi" tituliert habe, seien sie immer im Gespräch geblieben. Herrmann erzählt, wie sie ihm nach der Verleihung der Goldenen Verdienstmedaille in Garching als erste gratuliert habe, mit den Worten: "Ich war auch für Sie." Wundrak hatte im Stadtrat auch für die Verleihung gestimmt. "Da bin ich heute noch gerührt", sagt Wolfgang Herrmann.

Die Gedenkfeier für Ingrid Wundrak wird am Donnerstag, 7. November, um 15 Uhr in der Aussegnungshalle am städtischen Friedhof Garching stattfinden. Ihr Mann Rainer sowie die Kinder Linda und Stefan Wundrak bitten darum, statt Blumen niederzulegen eine Spende an das gemeinnützige Otto-Hug-Strahleninstitut oder an andere Umweltschutzorganisationen zu überweisen.