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Musiktheater:Furiose Fusion

Daniel Weiler und Ines Bergk in "Die Abreise"

Gatte und Gattin, Daniel Weiler und Ines Bergk, in der "Abreise", zu der es nicht kommt. Den Ehedisput beobachten derweil die Angestellten aus Lortzings "Opernprobe".

(Foto: Aylin Kaip)

Die Truppe der Opera incognita verbindet kongenial Albert Lortzings "Opernprobe" mit der "Abreise" von Eugen d'Albert

Von Egbert Tholl

Es gibt hier lediglich drei Musiker, Meister ihres Fachs, die Geigerin Julia Knapp, den Kontrabassisten Alexander Weiskopf und Ernst Bartmann am Klavier, der auch die Arrangements schrieb. Und man vermisst nichts. Es gibt auch praktisch kein Bühnenbild, aber auch auf dieses kann man verzichten. Andreas Wiedermann und seine Truppe von der Opera incognita haben schon an sehr unmöglichen Orten tolles Musiktheater gemacht, die lassen sich nicht von einem Virus beeindrucken. Und erfinden in der Allerheiligen Hofkirche eine absolut coronataugliche Produktion, die sogar auf kongeniale Art zwei Einakter miteinander verbindet, Albert Lortzings "Die Opernprobe" und "Die Abreise" von Eugen d'Albert.

In der "Opernprobe" flieht der Baron Reinthal vor dem Arrangement einer Ehe, landet mit seinem smarten Diener Johann auf dem Schloss eines Grafen, der Opern liebt und diese selbst gern inszeniert. Der Herr Baron hat eine schöne Stimme, also wird er zum Mitmachen zwangsverpflichtet, dabei verliebt er sich in Louise, die Tochter des Hauses, die, haha, jene Dame ist, vor der er, ohne sie zu kennen, floh. Ein sehr munteres Stück mit lustigen Vorsingszenen. Aber ohne die zu erarbeitende Aufführung.

Die schieben Wiedermann und Bartmann nun mit der "Abreise" dazwischen. Es ist ein Alltagsstück mit überbordenden musikalischen Mitteln, die Bartmann in einen feinen Salonton übersetzt. Der Gatte plant abzureisen, der Hausfreund bestärkt ihn darin, weil er auf ungehinderten Zugriff auf die Gattin hofft. Doch er wird durchschaut, das eheliche Glück siegt.

Bei Wiedermann führt das zu dem wunderbaren Clou, dass Lortzings drei Herrschaften - Graf, Baron und Louise - nun für die Dienerschar eine Aufführung geben. Diese gerät zwar zu lang, um noch als Einlage durchzugehen, ist aber ein freudiges Erlebnis ineinander verschlungener, kaum endender Melodien. Bei Lortzing funktioniert der Transfer ins Kammerarrangement unmittelbarer. Und sehr komisch.

Wiedermann geizt nicht mit geistreichen Corona-Anspielungen. Sängerinnen und Sänger werden derzeit als nicht systemrelevant erachtet, die hier beweisen sie das Gegenteil. Carolin Ritter ist eine vor Unternehmungslust berstende Kammerzofe, Ines Bergk wirft sich mit wohligem Leuchten in d'Alberts Kantilenen. Daniel Weiler (Graf) und Thomas Paul (Baron) meistern ihre Partien mit außerordentlicher Souveränität und Manuel Kundinger, der Diener Johann, ist ein lyrischer Schatz. Das sängerische Niveau ist absolut top. Und um die Situation konkret zu erzählen, reicht allein das Spiel der Menschen auf der Bühne (als Bedienter des Grafen ist noch Thomas Greimel dabei) vollkommen.

Die Opernprobe/Die Abreise, weitere Vorstellungen Samstag/Sonntag, 5./6. September, jeweils 17 und 20.30 Uhr, Allerheiligen Hofkirche, Residenzstraße 1

© SZ vom 02.09.2020

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