Musik "Ich bin der einzige Weiße, der auf Indonesisch rappt"

"Ich bin der einzige Weiße, der auf Indonesisch rappt", sagt Jens Hellmund.

(Foto: Privat)

Jens Hellmund ist ein Münchner Rapper, den hier in der Stadt kaum einer kennt. Trotzdem ist er ein Star - und zwar in Indonesien.

Von Michael Bremmer

Vor wenigen Tagen hat Jens Hellmund mal wieder Post aus Indonesien bekommen. Von Dira Sugandi. Oder genauer: vom Management der indonesischen Sängerin. Sie hat aktuell mit dem offiziellen Song für die Asienspiele, die diesen Samstag in Jakarta beginnen, großen Erfolg - alleine das Video zu dem Lied wurde bereits von mehr als vier Millionen Menschen angesehen. Auf jeden Fall meldet sich das Management von Dira Sugandi in München und fragt vorsichtig bei Jens Hellmund an, ob er denn Interesse an einem gemeinsamen Song hat.

Jens Hellmund sitzt in einem Café im Gärtnerplatzviertel und trinkt Spezi. Wäre er nicht an die zwei Meter groß, würde er nicht weiter auffallen. Er trägt Jeans, Joggingschuhe und T-Shirt, seine Haare sind kurz geschnitten. Unaufgeregt spricht er über seinen Werdegang, er gestikuliert kaum beim Sprechen und erwähnt ganz nebenbei, dass er mittlerweile auch mit der Sängerin in Kontakt stehe und es durchaus möglich sei, dass er mit ihr einen Song aufnehme. Was man wissen muss: Jens Hellmund ist ein Münchner Rapper, den hier in der Stadt kaum einer kennt.

Er nennt sich "Audijens", macht aktuell deutschsprachigen Hip-Hop, tritt - wenn überhaupt - bei kleineren Shows in der Glockenbachwerkstatt oder im Backstage auf und hat mit seinen deutschen Songs eine geringe Reichweite. Trotzdem ist er ein Star - in Indonesien. Sein Alleinstellungsmerkmal: "Ich bin der einzige Weiße, der auf Indonesisch rappt", sagt er . In Indonesien nennt er sich Yen. Seine Videos haben zum Teil 500 000 Klicks, immer wieder kommen Anfragen von indonesischen Rappern, die gemeinsam mit ihm Songs aufnehmen wollen. Im Frühjahr, als er zuletzt in Indonesien Urlaub machte, wurde er in Radioshows eingeladen, im vergangenen Jahr landete seine indonesische Single "Cewek Manis" sogar in den Top 15 der Amazon-Download-Charts. Und die Frage bleibt: Wie kommt es zu diesem Erfolg? Leicht zu erklären ist er jedenfalls nicht. Eine Spurensuche.

Jens Hellmund, 34, aufgewachsen im Landkreis Fürstenfeldbruck, macht seit seiner Jugend Musik. Deutschsprachigen Hip-Hop. Mehr als ein Hobby wird aber nicht daraus, sein Geld verdient er als IT-Berater. 2013 wurde er von seinem Arbeitgeber nach Jakarta geschickt - für knapp zwei Jahre. Er konnte zu diesem Zeitpunkt die Sprache nicht, kannte dort keinen einzigen Menschen - wollte aber auch nicht zwei Jahre wie ein Tourist in Indonesien leben. Sein Ziel damals: "Ich wollte mich richtig integrieren", sagt er, "ich wollte nicht mit Deutschen abhängen, sondern die Sprache lernen und etwas von der Kultur mitbekommen." Und das geht am besten, wenn man viel mit Einheimischen spricht. Und mit Musik. Über soziale Netzwerke schrieb er eine Hip-Hop-Community in Indonesien an und fragte, wer mit ihm Songs aufnehmen möchte. Als er in Jakarta landete, holte ihn ein Rapper ab und nahm ihn gleich für mehrere Tage zu Hause bei sich auf.

München oder Indonesien?

"Ich hätte lieber eine Million Views aus Indonesien als ein Konzert in München vor 500 Leuten. Ich finde es schön, wenn ich in München mein normales Leben führen kann."

Jens Hellmund

Tagsüber arbeitete Hellmund als IT-Fachmann, gab Computer-Unterricht und verkaufte Computer-Lizenzen. Nach Feierabend machte er Musik - und lernte beim Rappen Indonesisch. Das könnte auch der Grund sein, dass er einen extremen Slang (Bahasa Gaul) spricht und dass seine indonesischen Facebook-Videos mit Untertiteln laufen - nein, keine deutsche Übersetzung, sondern Untertitel auf Indonesisch. "Mein Wortschatz ist eingeschränkt", gibt Jens Hellmund offen zu. Auch deswegen gehen seine indonesischen Songs nicht unbedingt in die Tiefe. Die Songs handeln mal von Liebe, die nicht erwidert wird, mal von Freundschaften, die durchaus möglich sind, auch wenn Menschen oft unterschiedlich sind. Die Menschen in Indonesien wissen das zu schätzen - zumindest, dass "ein Mann aus dem Westen versucht, ihre Sprache zu beherrschen, in ihrer Sprache zu rappen", sagt Hellmund.

Seine Videos werden nicht nur häufig geklickt, er bekommt auch jede Menge netter Kommentare. Herzchen sind oft zu sehen, häufig auch der Ausdruck "Bule Gila", übersetzt heißt das so viel wie "verrückter Ausländer" - seit ein paar Jahren kommen immer wieder Ausländer in die indonesischen Medien, die entweder mit dem Fremdsein spielen oder versuchen, eben nicht fremd zu sein. Das bringt Ruhm und Aufmerksamkeit. Und laufend Anfragen indonesischer Musiker. Als Künstler wird Hellmund durchaus ernst genommen - es werden aber auch Witze über ihn gemacht. "Als ich merkte, dass sie es mit Humor aufnehmen, war ich froh. Denn das Bild der Indonesier ist, dass die westlichen Menschen immer ernst sind und keine Späße machen. Wenn Indonesier mich mit Humor verbinden und sehen, dass auch wir locker sein können, ist es für mich toll."

Jens Hellmund transportiert durchaus Witz mit seinen Songs. "Cewek Manis" ist ein Liebeslied mit leichtem und poppigem Rhythmus, gewidmet der indonesischen Influencerin Awkarin, eine Bloggerin, die nicht viel kann, damit aber 3,6 Millionen Menschen erreicht. "Wenn du mich nicht heiratest", rappt er da, "entführe ich deinen Hund" - Awkarins Hund hat ebenfalls ein Instagram-Profil. Ein Hauch von Gangster-Rap - aber das kann auch mal nach hinten losgehen, zumal, wenn Witz und Ironie nicht erkannt werden. Als er mal halbnackte Frauen in einem seiner Videos auftreten ließ, bekam er gleich Morddrohungen.

Auch das erzählt Jens Hellmund ohne große Regung. "Die Todesdrohungen lassen mich kalt", sagt er. In ein, zwei Jahren will er wieder nach Indonesien reisen. Bis dahin macht er einfach von Deutschland aus indonesische Musik. Und die Einnahmen aus dem Song mit Dira Sugandi will er spenden - für ein Armenprojekt in Jakarta. Die Menschen dort hat er nur positiv in Erinnerung, nun kann er was zurückgeben. Einmal hatte er seinen Geldbeutel verloren und eine ganze Woche lang kein Geld mehr: "Freunde kauften mir jeden Tag gebratenen Reis, damit ich über die Runden kam."

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