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Musik:Flügel der Freiheit

An den "Ikarus vom Lautertal" erinnern Maxi Pongratz und Micha Acher mit ihrem Album "Musik für Flugräder"

Von Christian Jooß-Bernau

Es gibt solche mit Käferflügeln, Einflügler mit Baldachin, Gefährte wie Raketen und Zeppelinförmige. Welche mit ornamentalen Propellern - und etwas wie einen Hubschrauber. Motor, Fahrerkabine und Kraftzentrum der Ästhetik aber ist immer ein fein gestricheltes Fahrrad. Sie haben ihn den Ikarus vom Lautertal genannt. Gustav Mesmer hat die Flugmaschinen gezeichnet, koloriert - und er hat sie gebaut. Es gibt Filmaufnahmen auf denen ein strahlender alter Mann mit seinem Flügelfahrrad über Wege holpert.

Gustav Mesmer

Mesmer, der auf einer seiner Flugmaschinen sitzt.

(Foto: Gustav Mesmer Stiftung)

"Musik für Flugräder" hat Maxi Pongratz sein neues Album genannt, das er gemeinsam mit Micha Acher und Musikern, die sich Verstärkung nennen, aufgenommen hat. Pongratz hat mit Kofelgschroa dem bayerischen Pop eine eigensinnige Wendung gegeben. Acher, der neben sehr vielem Bassist bei The Notwist ist, arbeitete mit Kofelgschroa schon als Produzent zusammen und spielt hier Trompete, Melodica und Sousaphon. Und wer die Szene etwas kennt, stößt bei der Verstärkung auf viele bekannte Namen wie Theresa Loibl, Maria Hafner, Matthias Meichelböck. Auf dem Cover eines alten Kofelgschroa-Albums sieht man Pongratz von hinten auf einem Fahrrad. Wie er munter stehend in die Pedale tritt, Lenker und Rad leicht schräg gestellt, so als wäre nicht das Geradeausfahren das Ziel, sondern die Ziellosigkeit Kern der schönen Radlerei. Und so macht Pongratz auch Musik. Er liebt die langsame Entwicklung von Struktur in der Wiederholung. Das Auskosten volltönender Akkordeon-Harmonien, das Schichten der Töne. "Wirklich frei ist, wenn der übernächste Tag auch noch frei ist" heißt die zweite Nummer. Und diese Freiheit nimmt sich die Musik und legt die Bläsermelodie in Schleifen. Zart klappert die Perkussion. Nichts wird hier forciert, und auf den ersten Blick sehen sich viele der gemütlich schaukelnden, mal freundlich rumpelnden Nummern recht ähnlich.

Auf den zweiten Blick steigt man ein in die "Flugrad Trilogie" mit schwebenden Hackbretttönen, gleitet hinein in ein klapperndes, pockerndes Maschinchen, in dem sich Zahnrädern mit hölzernem Klang drehen und bei jeder Umdrehung die Zungen des Akkordeons ächzen. Einen Tag haben sie geprobt, am nächsten Tag die Stücke aufgenommen. Festgehalten ist der Moment, in dem noch nicht alle Schrauben festgezogen sind, vieles noch locker sitzt, mit schöner Luft zwischen den Tönen - und die Musiker noch ohne Sicherheitsgurte aufeinander hören.

Gustav Mesmer

Mesmer hatte für seine Flugversuche zahlreiche Ideen.

(Foto: Gustav Mesmer Stiftung)

Eine feine ästhetische Entscheidung ist das, die die Klebnähte und Schrauben der selbstgebastelten Musik sichtbar macht. Und damit zum Wesen der Luftkunst des Gustav Mesmer passt. Weihnachten 1994 ist er mit 92 Jahren gestorben - nach einem Leben, das in großen Teilen ein Elend war. Das hat eine Gesellschaft zu verantworten, die einen wie ihn nicht für tauglich befand, nach ihren Regeln zu spielen.

Am 17. März 1929 störte er, der Schreinerlehrling und ehemalige Klosterzögling, die Konfirmationsfeier in der evangelischen Kirche in Altshausen. Er zweifelt daran, dass hier das Blut Christi ausgeteilt wird und befindet, dies sei alles Schwindel. Er ist 26, als er in die Psychiatrie in Schussenried eingewiesen wird. Man kann das Elend nachlesen auf der Homepage der Gustav Mesmer Stiftung, die sein Werk bewahren will. Versammelt sind Zeichnungen und Texte auch in dem Band "Gustav Mesmer - Ikarus vom Lautertal". Hinter Psychiatriemauern begann Mesmer vom Fliegen zu träumen. Der Wunsch nach Freiheit, er wird bei ihm zu immer neuen Flugmaschinen. "Infantiler Charakter" und "Erfinderwahn" konstatiert die Krankenakte. Durch Glück überlebt er die mordenden Nazis, flieht, kehrt zurück, flieht. Erst 1964 kommt er in ein Heim in Buttenhausen, hat eine eigene Korbmacherwerkstatt und kann endlich all das bauen, was bis dahin nur auf Bildern existierte. Diesmal bleibt es nicht unbeachtet, und 1992 findet sich eines seiner Flugräder tatsächlich auf der Weltausstellung in Sevilla im Deutschen Pavillon.

Maxi Pongratz und Micha Acher

Tagträume gegen Erdenschwere: Micha Acher und Maxi Pongratz (von links) erinnern an Gustav Mesmer und seine phantastischen Flugapparate.

(Foto: Abzocker Verlag)

Unbeirrt beharrliches Verfolgen des ganz persönlichen Glücks - wer da mitgeht, der findet auch in das Pongratz-Acher-Album hinein und versteht die abendsonnige Wehmütigkeit von "Schlußlicht", der letzten Nummer, die tapsig leicht in die Nacht tanzt. Dass beim Münchner Label Trikont die Vinylversion des Albums per Hand zusammengebastelt wird, passt zu diesem Projekt. So blickt man jetzt auf Mesmers zart aquarellierte Bilder, die von Grenzüberschreitermaschinen erzählen. An Kinderbuchillustrationen erinnern sie, lassen sich am schönsten betrachten mit dem durch Erdenschwere unbelasteten Blick, der das Mögliche noch nicht an das Machbare kettet. Die Weisheit in diesen Maschinen ist nicht die aerodynamische Finesse - und in Wahrheit ist es nicht entscheidend, ob hier wirklich jemals die Bodenhaftung überwunden wurde. Glücklichmachend ist allein die Idee abzuheben.

Maxi Pongratz, Micha Acher & Verstärkung: Musik für Flugräder (Trikont), Konzert am 28. Juli, 20 Uhr, Import Export

© SZ vom 15.06.2021
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