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Musik:Beatvisionen

Ein famoses neues Album von Sebastian Birkl alias Dot

Es liegt ebenso viel Sorge wie Zuversicht in der Stimme, die sich zu Beginn des Albums in englischer Sprache an den Hörer wendet. So, wie die Welt nun beschaffen sei, werde man neue Wege im Hinblick auf Kommunikation und gegenseitige Empathie einschlagen müssen, erklärt sie salbungsvoll vor dem Hintergrund einer ambienten elektronischen Klanglandschaft. "Wir bewegen uns in Richtung einer neuen Form des Zusammenlebens, können dabei aber nur vage einschätzen, wie diese aussehen wird. Alles, was wir wissen, ist, dass wir noch nicht bereit dafür sind." Es folgt noch einmal der Aufruf zu verstärkter Empathie, da man nun mal so eng aufeinander hocke, dann setzt ein mächtiger, von tribalistischer Trommelei verstärkter Beat ein.

Empathie und neue Wege der Kommunikation - es sind Schlagworte, die uns derzeit vermehrt begegnen. Nur stammt der Appell, den der Augsburger Beat-Bastler Sebastian Birkl alias Dot als Sample an den Anfang seines neuen Albums "Monsters" stellt, eben nicht von einem Zukunftsforscher, sondern von einem, der schon längst nicht mehr unter uns ist: Aldous Huxley, Verfasser der Dystopie "Schöne neue Welt", Zukunftsvisionär, Humanist, in den Fünfzigerjahren schließlich auch bewusstseinserweiterter Spiritist, der sich per Meskalin-Selbstexperiment die Türen der Wahrnehmung öffnete.

Dot

Sebastian Birkl lotet das Verhältnis zwischen Mensch und Technik aus.

(Foto: Bärry White)

Dass Huxley nun mit seiner Abhandlung über die Veränderung von Kommunikation auch in der aktuellen Weltlage noch ins Schwarze trifft, darf man dabei durchaus exemplarisch für Sebastian Birkls Kunst der Neukontextualisierung via Sample sehen, auch wenn die vor allem musikalischer Natur ist: Butterweiche Trompetensoli, sägende und jubilierende E-Gitarren, afrikanische Chants, zart hingetupfte Piano-Melodien, feinteiligste Versatzstücke aus dem Free-Jazz, aus der Soul-Ära oder der Weltmusik- all das verbaut Birkl mit verschleppten Beat-Wuchtereien und sirrender Elektronik zu Instrumentaltracks, wie sie hypnotischer kaum sein könnten.

Klar sei man beim Sampling rechtlich immer noch in einer Grauzone unterwegs, aber wenn er ein Sample verwende, dann versuche er es stets so zu verändern oder neu zu verorten, dass es komplett aus seinem ursprünglichen Kontext herausgerissen werde. "Wir bewegen uns als Kunstschaffende längst im Raum der Interkontextualität", sagt er. "Alles verweist aufeinander, speist sich aus zuvor Dagewesenem und schafft sich und dieses neu. So etwas wie Originalität im klassischen Sinne gibt es meiner Meinung nach gar nicht mehr."

Im Fall seines fünften Solo-Albums "Monsters" - das ebenso wie Birkls Output als Teil der Hip-Hop-Projekte Blindspot und Yawl auf "Anette Records", dem Label von Frittenbude-Frontmann Johannes Rögner erscheint - spiegelt sich dieser Gedanke nun auch inhaltlich wider. Birkl umkreist darauf das zweischneidige Verhältnis zwischen Mensch und Technik, Organischem und Digitalisiertem, und blickt dabei etwa mit dem Video zum zweiteiligen Titeltrack ebenso auf das Potenzial wie auf die Abgründe dieser Beziehung.

In schmerzhafter Abfolge flimmert einem da von den Protagonisten der digital erstarkten Neuen Rechten bis zum massenproduktionsbedingt ausgeuferten Konsum erst mal so ziemlich alles entgegen, was diese Welt an Monströsem zu bieten hat: Strache, der auf Ibiza am Wodka-Bull nippt. Ein junger Mann beim Verspeisen eines Schnitzels in Handtuchgröße. Trump vor seinen geifernden Anhängern. Dazwischen immer wieder: Krieg, Hunger, Flucht. Als man kaum mehr hinsehen möchte, ändern sich musikalische Stimmung und Bildsprache, und man blickt auf ganz andere Aspekte einer vernetzten Welt, Klima-Demos, Tanzende auf Festivals, kurz: jener gelebte Gemeinsinn, jene Freude des Zusammenkommens, die uns bis auf Weiteres verwehrt bleiben werden.

Letztlich schätzt Birkl das Potenzial von Technik und Digitalisierung, gerade im Hinblick auf die Kommunikation, daher momentan so hoch wie selten ein. Den Release-Gig zu "Monsters" in der Augsburger Soho Stage, den er allein und ganzkörpernickend vor seinen Geräten bestritt, schickte er als Stream in die digitale Sphäre und verwies dabei auch auf den angehängten Spenden-Link einer Flüchtlingshilfsorganisation, um all jenen zur Seite zu stehen, die derzeit keinen sicheren Rückzugsort haben. Empathie und neue Wege der Kommunikation - Aldous Huxley wäre sicher stolz auf ihn.

© SZ vom 30.03.2020

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