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Münchner Volkstheater:Nur zufällig hier

Felix Hafner adaptiert "Herkunft"am Volkstheater

Von Christiane Lutz

Es fehlt nichts. Zumindest fühlt es sich so an, als ob nichts fehle. Das ist die vielleicht beachtlichste Leistung an dem ohnehin beachtlichen Abend, den Felix Hafner mit "Herkunft" am Volkstheater inszeniert hat. Selbstverständlich ist dieses Gefühl nicht, denn wenn ein Roman inszeniert wird, mokieren sich dessen Leser regelmäßig darüber, was alles "gefehlt" habe und dass das Buch natürlich "viel besser" sei als jede Adaption. Dabei ist dieses Vergleichen eigentlich müßig, denn Theater und Literatur funktionieren schließlich nach eigenen Rhythmen und Regeln.

Der Autor Saša Stanišić erzählt in "Herkunft" autobiografisch von seiner Flucht nach Deutschland 1991 vor dem Jugoslawienkrieg und von seinem Leben bis in die Gegenwart, in Hamburg, wo er heute Vater eines Sohnes ist. Der Roman wird in dieser Saison an vielen Theatern gespielt, Stanišić selbst entschied mit über die eingereichten Inszenierungskonzepte. Hafner musste natürlich aus dem ungeheuren Reichtum an Anekdoten, Betrachtungen und schönen Sätzen viele weglassen. Doch er hat, so scheint es, hat die 360 Romanseiten immer und immer wieder sorgsam durch ein Sieb geschüttelt, bis die wesentlichen Stimmungen, Anekdoten und Gefühle übrig waren, auf die er sich dann in seiner Inszenierung konzertierte. Da ist zum Beispiel die spürbare Trauer über den Krieg, die Liebe zu den Eltern und der dementen Großmutter, sein beschämend gnädiger Blick auf Deutschland, die Sorge, als in Lichtenhagen ein Asylbewerberheim brennt. Da ist aber auch eine wahnsinnige Lebensfreude. Und da ist diese Leerstelle, die auf die ewige Frage folgt: "Woher kommst du?" Diese Frage versuchen dann Stimmen aus dem Off zu beantworten. Eine Straßenumfragen unter Münchnerinnen und Münchnern, vielleicht das einzige, was man an diesem Abend hätte weglassen können.

Wie die Inszenierung ausgeht, entscheidet ein Schaumstoffwürfel

Sechs spielwütige Schauspieler - Jakob Immervoll, Jan Meeno Jürgens, Jonathan Müller, Pola Jane O'Mara, Nina Steils und Anne Stein - verkörpern in grauen Schuluniform-Kostümen auf der Bühne verschiedene Facetten von Stanišićs Identität und seiner Suche nach der Bedeutung eben jener "Herkunft". Wie der Roman springt auch die Inszenierung recht mühelos zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, zwischen Fantasie und Erinnerung. In einem Moment hängt der junge Saša an der "Aral-Tankstelle" in Heidelberg herum, "neutraler Grund, auf dem die Herkunft selten einen Konflikt wer war," im nächsten wird das fahrbare Treppengestell (Bühne: Camilla Hägebarth) zur Fan-Tribüne im Jahr 1991, als Roter Stern Belgrad gegen den FC Bayern spielte und Vater und Sohn mit ihrem Verein bangten. Über Tageslichtprojektoren - auch eine gefühlt sehr deutsche Technik - zaubern die Schauspieler Regen und Scheibenwischer auf eine Autofahr-Szene und geben einander Licht. In träumerischen Choreografien zu eigens dafür komponierter Musik (Clemens Wenger) deuten sie mal Volkstänze an, mal Militär, dann kindliche Neugier. So simpel, so charmant, so gut.

Hafner versucht an diesem Abend weder, überambitioniert zu füllen, was der Roman offen lässt, noch wirft er sich demütig unter den mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Text. Ihm gelingt eine dem Roman ebenbürtige und doch ganz für sich stehende Adaption, über deren sechs mögliche, alle einstudierte Ausgänge jeden Abend ein großer Schaumstoffwürfel entscheidet. Stanišics kleiner Kniff, den Zufall der Herkunft und die Gleichzeitigkeit Möglichkeit Lebenswege noch einmal deutlich zumachen. Ein bittersüßes Zuckerl gibt es in der Inszenierung außerdem, wenn die Bühne in einer Szene kurz zum Club wird, der Bass laut wummert und alle Schauspieler ausgelassen tanzen, so dass man am liebstem mitmachen will. Ein sehnsuchtsvoller Gruß aus einer fernen Zeit.

© SZ vom 26.10.2020
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