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Münchner Szene-Wirt Wladimir Goerdt:Er spielte so lange, bis er zur obersten Verantwortlichen vorgelassen wurde

Es sollten schließlich neun russische Reisen werden, jeweils zwischen drei und vier Wochen lang. Denn irgendwann reifte in ihm der Entschluss: "Ich will da nicht nur hinfahren auf den Spuren von Krieg und Gefangenschaft, ich will dort auch Musik aufnehmen." Genauer gesagt, Johann Sebastian Bachs zweite Cellosuite in d-Moll in einer Kammermusikbesetzung.

Die erste Suite hatte er bereits in St. Bartholomä am Königssee eingespielt, so zum Spaß und nur für sich. Nun sollte es eine russisch-orthodoxe Kirche sein, am liebsten im Kloster von Istra, 50 Kilometer vor Moskau, weil es von dort ein Foto des Vaters aus Kriegstagen gibt. Doch die orthodoxe Kirche erlaubt keine nicht liturgische Musik in ihren Gotteshäusern. Auch in der Stadt Wladimir, 200 Kilometer nordöstlich von Moskau, hatte Wladimir keine Chance, aber dort erhielt er den entscheidenden Tipp: In Susal, 30 Kilometer weiter, einer kleinen Stadt mit großer Vergangenheit, gibt es noch mehr als 50 Kirchen, Klöster und Sakralbauten, die nicht der Kirche, sondern der staatlichen Museumsverwaltung unterstehen.

Dort, in der ehemaligen Kremlkirche (Kreml ist die russische Bezeichnung für den inneren Befestigungsring einer Stadt), wurde Goerdt fündig, und er traf auch auf den kleinen Männerchor "Blagovest", der auf der CD ebenfalls vertreten ist, mit Tschaikowsky-Liedern. Freilich: Bis es im Sommer 2010 zu den Aufnahmen kam und Goerdt mit Stephan Rath (Laute) und Arno Jochem de la Rosée (Barockcello) nebst transportablem Tonstudio anreisen konnte, gingen zwei Jahre ins Land: "Das wollte wirklich hart erkämpft sein", sagt er.

Einmal kreuzte Goerdt gar mit dem Cello im Sekretariat der Museumsverwaltung auf und spielte so lange, bis er zur obersten Verantwortlichen vorgelassen wurde. "Es dauert", sagt er, "bis man den Weg durch alle Hierarchien hinter sich hat. Aber wenn es die Erlaubnis von ganz oben gibt, dann kommt auch nichts mehr dazwischen."

Nun, ein gutes Jahr später, ist die CD "Bach, das Cello und die Kremlkirche von Suzdal" fertig und zusammen mit der "Winterreise"-CD auf Goerdts eigenem Label "Di Monaco Records" erschienen und im Fachhandel oder der "Cooperativa" erhältlich. Goerdt tritt dort unter dem Künstlernamen Wladimir Maria Wilhelm auf, der setzt sich zusammen aus den Vornamen seiner Eltern und dem eigenen. Er wollte das, um sich von seiner "sonstigen bürgerlichen Existenz", wie er sagt, etwas abzusetzen.