Süddeutsche Zeitung

Münchner Szene-Wirt Wladimir Goerdt:Auf den Spuren des Vaters

Wladimir Goerdt betreibt das beliebte Lokal Cooperativa. Auf der Suche nach seinen Wurzeln hat der 47-Jährige nun eine Musikkarriere in Russland gestartet.

Natürlich sind Namen niemals nur Schall und Rauch. Als Wilhelm und Maria Goerdt in den sechziger Jahren ihre beiden Söhne Wladimir und Sergej nannten, war ihnen das zwar möglicherweise auch klar. Aber wohin das im Falle von Wladimir noch führen würde, das war dann doch nicht vorherzusehen gewesen. Vater Wilhelm war spät aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt, seine Gefangenschaft in der Sowjetunion dauerte bis 1956. Er war damit einer der letzten deutschen Soldaten, die in die Heimat zurückkamen.

Von Russland aber kam er nie mehr so ganz los - nicht nur, dass er seinen beiden Söhnen russische Vornamen gab, er selbst studierte nach dem Krieg Philosophie und spezialisierte sich auf östliche Denkschulen. Später, als Professor für osteuropäische Geistesgeschichte an der Universität Münster, schrieb er ein Standardwerk über russische Philosophie.

Wenn man über den Münchner Szene-Wirt Wladimir Goerdt, 47, schreibt, muss man neuerdings mit seinem Vater beginnen. Denn Goerdt hat gleich zwei Cello-CDs auf den Markt gebracht, von denen Musikkenner sagen, sie seien von einer erstaunlichen Intensität. Und das hat wiederum sehr viel mit der Geschichte seines Vaters und dessen langer Zeit in Russland zu tun.

Violoncello ist ein Instrument, das man mit einem Szene-Wirt nicht in Verbindung bringen würde. "Ich bin zu Hause in Münster ganz brav bildungsbürgerlich aufgewachsen und habe Blockflöte gelernt", erzählt der 47-Jährige, "bis ich mich schreiend auf dem Boden gewälzt habe." Die Blockflöte war passé, stattdessen folgte das Cello. Und dafür konnte sich Wladimir irgendwann richtig begeistern. So sehr, dass er nach dem Abitur nach München ging, um Cello zu studieren, am Richard-Strauss-Konservatorium bei Jan Polasek.

Vier Jahre dauerte die Ausbildung, er belegte Meisterkurse bei Heidi Litschauer in Salzburg und sogar bei Mischa Maisky, einem der großen Cellovirtuosen der Gegenwart. "Leider habe ich die Nebenfächer etwas vernachlässigt", sagt Goerdt. So konnte er zwar das Cello-Studium abschließen, nicht jedoch das Musikstudium an sich.

Überhaupt habe er damals gespürt, dass er noch andere Dinge machen wollte - Berufsmusiker, das war es zu diesem Zeitpunkt nicht. Und dann kamen ja auch immer wieder Jobs daher. Wladimir Goerdt verdiente sich sein Studium als Barkeeper im damaligen "Casino", später in der Szenekneipe "Sedan", die er dann für zwei Jahre zusammen mit drei Kumpels auch übernehmen konnte. Es folgten weitere Barkeeper-Jobs im "Ballhaus" und in der "Wunderbar", schließlich auch ein Abstecher in den Fernsehjournalismus (damals kam gerade das Privat-TV auf), mal als Nachrichtenredakteur bei RTL, mal als PR-Berater für Warner und Disney.

Bis ihn dann ein alter Bekannter fragte, ob er nicht mit ihm im damals gerade neu entstehenden Kunstpark Ost von Wolfgang Nöth eine mondän-verruchte Bar machen wolle. "Für sowas hatte ich schon immer eine Schwäche", sagt Goerdt, also schlug er ein. 1996 eröffnete "Mr. Bongos Bongo Bar", ein etwas schräger Nachtclub mit Veranstaltungsprogramm, extravagant, verspielt, plüschig und leicht rotlichtig, und oft waren die Geschlechterrollen nicht so eindeutig zuzuordnen. Goerdt war hier der Patron, "da spielte ich so eine Kunstfigur, das war mein Ding".

Der Kunstpark nahm die bekannte kommerzielle Entwicklung, zu der die "Bongo-Bar" dann nicht mehr so passte, und 2001 verließ Mr. Bongo das Gelände, um in der Jahnstraße im Glockenbachviertel einen anderen Laden aufzumachen: die "Cooperativa". Die Idee dazu kam in Italien, wo landwirtschaftlichen Kooperativen oft auch eine kleine Dorfkneipe betreiben. Ein bisschen so sollte auch die Münchner "Cooperativa" funktionieren, sagt Goerdt: "Klar ist das eine Szenekneipe, aber es ist kein Trendladen, sondern eher so eine Art Nachbarschaftstreff."

Dieser Treff machte Goerdt immerhin finanziell so unabhängig, dass er wieder an seine große Leidenschaft, das Musikmachen, denken konnte. Er staubte sein Cello ab und begann nach 13 Jahren Pause wieder zu üben, nahm auch wieder Stunden bei seinem alten Lehrer Polasek. Das faszinierte ihn mehr als je zuvor, und er fing an, Schubert-Lieder für Cello zu bearbeiten, zuerst "Die schöne Müllerin", schließlich die "Winterreise".

Unterdessen waren auch die Eltern nach Bayern gezogen, sie leben seither in Marquartstein im Chiemgau. Mit der räumlichen Nähe wuchs auch die persönliche wieder. Wladimir konnte mit dem Vater erstmals richtig über dessen Erlebnisse in Krieg und Gefangenschaft sprechen, 15 Jahre eher war das noch nicht möglich gewesen: "Das hatte ihn damals noch zu sehr mitgenommen." Nun aber konnte er alles erzählen, und der Sohn fasste den Entschluss, mit einer jungen Dolmetscherin nach Russland zu reisen, auf den Spuren des Vaters.

Er spielte so lange, bis er zur obersten Verantwortlichen vorgelassen wurde

Es sollten schließlich neun russische Reisen werden, jeweils zwischen drei und vier Wochen lang. Denn irgendwann reifte in ihm der Entschluss: "Ich will da nicht nur hinfahren auf den Spuren von Krieg und Gefangenschaft, ich will dort auch Musik aufnehmen." Genauer gesagt, Johann Sebastian Bachs zweite Cellosuite in d-Moll in einer Kammermusikbesetzung.

Die erste Suite hatte er bereits in St. Bartholomä am Königssee eingespielt, so zum Spaß und nur für sich. Nun sollte es eine russisch-orthodoxe Kirche sein, am liebsten im Kloster von Istra, 50 Kilometer vor Moskau, weil es von dort ein Foto des Vaters aus Kriegstagen gibt. Doch die orthodoxe Kirche erlaubt keine nicht liturgische Musik in ihren Gotteshäusern. Auch in der Stadt Wladimir, 200 Kilometer nordöstlich von Moskau, hatte Wladimir keine Chance, aber dort erhielt er den entscheidenden Tipp: In Susal, 30 Kilometer weiter, einer kleinen Stadt mit großer Vergangenheit, gibt es noch mehr als 50 Kirchen, Klöster und Sakralbauten, die nicht der Kirche, sondern der staatlichen Museumsverwaltung unterstehen.

Dort, in der ehemaligen Kremlkirche (Kreml ist die russische Bezeichnung für den inneren Befestigungsring einer Stadt), wurde Goerdt fündig, und er traf auch auf den kleinen Männerchor "Blagovest", der auf der CD ebenfalls vertreten ist, mit Tschaikowsky-Liedern. Freilich: Bis es im Sommer 2010 zu den Aufnahmen kam und Goerdt mit Stephan Rath (Laute) und Arno Jochem de la Rosée (Barockcello) nebst transportablem Tonstudio anreisen konnte, gingen zwei Jahre ins Land: "Das wollte wirklich hart erkämpft sein", sagt er.

Einmal kreuzte Goerdt gar mit dem Cello im Sekretariat der Museumsverwaltung auf und spielte so lange, bis er zur obersten Verantwortlichen vorgelassen wurde. "Es dauert", sagt er, "bis man den Weg durch alle Hierarchien hinter sich hat. Aber wenn es die Erlaubnis von ganz oben gibt, dann kommt auch nichts mehr dazwischen."

Nun, ein gutes Jahr später, ist die CD "Bach, das Cello und die Kremlkirche von Suzdal" fertig und zusammen mit der "Winterreise"-CD auf Goerdts eigenem Label "Di Monaco Records" erschienen und im Fachhandel oder der "Cooperativa" erhältlich. Goerdt tritt dort unter dem Künstlernamen Wladimir Maria Wilhelm auf, der setzt sich zusammen aus den Vornamen seiner Eltern und dem eigenen. Er wollte das, um sich von seiner "sonstigen bürgerlichen Existenz", wie er sagt, etwas abzusetzen.

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Quelle:
SZ vom 21.10.2011
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