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Münchner Singles:Sex oder Schafkopfen

Seit zehn Jahren gibt es die Partnerbörse muenchnersingles.de. Die Mitglieder hoffen auf schnellen Sex, lange Kartenabende oder ewige Liebe.

Die Bar in Schwabing ist voll bis unters Dach. Es ist Wochenende und da gehen die Münchner gerne aus, vor allem wenn sie Single sind. Viele Gäste scheinen sich zu kennen, man begrüßt sich mit Bussi links, Bussi rechts. Manche winken sich zu, andere umarmen sich sogar wie alte Freunde.

Verliebt in München: Schon 46.000 Singles sind Mitglied bei der Partnerbörse "muenchnersingles.de".

(Foto: Foto: istock)

"Wenn man regelmäßig zu Events geht, dann hat man bald ein großes Netzwerk an Freunden", sagt Lisbeth Müller (Name von der Redaktion geändert). Die 38-Jährige hat dunkle Locken, ein gewinnendes Lächeln und wirkt gar nicht schüchtern. Eigentlich denkt man nicht, dass eine Frau wie Lisbeth Müller ein Single-Portal im Internet benutzt, um Freunde und potenzielle Partner kennenzulernen. Doch Müller ist seit fünf Jahren bei den "Müsis", wie sich die Mitglieder des Online-Portal muenchnersingles.de abgekürzt nennen.

Die Single-Börse gibt es nun seit zehn Jahren. Mitglieder sind Münchner und Leute aus dem Münchner Umland. Eine vergleichbare Internet-Kontaktseite gibt es in keiner anderen deutschen Stadt. Wen wundert das, München schafft es schließlich bei sämtlichen Umfragen und Studien regelmäßig auf die Stadt mit den meisten Singles. 28,8 Prozent der Münchner haben demnach keine feste Partnerschaft, ermittelte zumindest jüngst die Partnervermittlung Parship. Da gibt es offenbar Bedarf für eine Online-Beziehungsbörse.

Dreimal pro Woche geht Müller durchschnittlich zu Treffen mit anderen "Müsis". Kinoabende, After-Work-Partys, Schafkopfrunden - das Angebot ist schier unerschöpflich. Diese so genannten Events werden von den Mitgliedern der muenchnersingles.de selbst organisiert. Jeder, der eine Idee hat und sich engagieren will, kann eine Unternehmung ins Leben rufen und diese auf dem Online-Portal einstellen.

"Durch die Treffen lernt man neue Menschen viel ungezwungener kennen, das ist das Tolle bei den 'Müsis'"; erklärt Müller. Bei anderen Online-Single-Börsen könne man mit Männern nur Kontakt per Email oder Chat aufnehmen, also immer via Eins-zu-Eins-Kommunikation. Die Verabredungen sind dann immer ein "Blind Date", das oft in die Hose geht. "Das hab ich auch schon probiert, klar. Aber da ist nichts Ernsthaftes dabei rausgekommen", sagt sie.

Dagegen funktioniere das Kennenlernen auf den Events viel lockerer. "Da hab ich schon so manchen Volltreffer gelandet", lacht Müller und wirft kokett ihre dunklen Locken nach hinten. Was sie unter Volltreffer versteht? Von einigen Affären bis zu drei längeren Beziehungen sei in den letzten fünf Jahren alles dabei gewesen, sagt sie. Aber letztendlich sei sie nicht nur bei den "Müsis" um Männerbekanntschaften zu machen. Alleine der Freundeskreis, der sich in den vergangenen Jahren entwickelt habe, sei einfach "goldwert".

Auch Tanja Werner (Name von der Redaktion geändert) ist überzeugter "Müsi". Mitglied bei der Single-Börse ist sie seit drei Jahren. Damals kam die heute 35-Jährige neu in die Stadt und suchte Anschluss. "Ich bin vor allem wegen der Männer dabei", gibt Werner zu. Sie ist klein und zierlich, hat blondes schulterlanges Haar, ist auffallend gut gekleidet.

München ist Single-Hauptstadt

"Durch meinen Job bei einer Werbeagentur komme ich vor lauter Arbeit nicht dazu, abends auszugehen", sagt sie. Und gesteht dann ganz unverblümt: "Wenn ich Sex will, geh ich online." Ganz schnell komme man als Frau in Kontakt mit den männlichen Usern. Ein Treffen sei ebenfalls rasch zu organisieren. Auf die Events der "Müsis" geht Werner eher weniger, sie beschränkt sich auf den direkten Kontakt mit potentiellen Kandidaten per Email.

Ganz anders sieht das Markus Krüger, der seinen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen will. "Für mich sind die 'Müsis' keine reine Beziehungsplattform, sondern eher ein Freundschaftsnetzwerk", sagt der 38-Jährige. Mitglied ist er seit 2005, seither hat er "mehrere Hundert Leute" kennengelernt. Er nimmt bei den 'Müsis' bei Sportveranstaltungen teil, geht mit den anderen Usern ein Bier trinken oder zu Partys. "Freilich habe ich schon die eine oder andere Frau auf den Events kennengelernt und es hat sich auch was daraus ergeben", sagt er. Aber das sei eher so nebenbei passiert. Krampfhaft auf der Suche sei er schließlich nicht.

Das unverkrampfte Kennenlernen zwischen Singles war auch das Ziel von Andi Meran, einem der Gründer der muenchnersingles.de. Vor zehn Jahren hat er zusammen mit seinem Partner Alex Haslberger die Online-Dating-Plattform gegründet. Mittlerweile hat die Seite 46.000 Mitglieder. Pro Monat kommen 2500 neue 'Müsis' dazu. Das Verhältnis Frauen-Männer sei dabei ziemlich ausgeglichen, sagt Meran. "In München gibt es eben deutschlandweit die meisten Singles", erzählt der 41-Jährige, "da hatten wir die Idee mit dem Portal." Und diese Idee läuft recht gut. So gut, dass Meran und Haslberger demnächst eine Single-Plattform für die Berliner online stellen wollen.

Lieber Bad-Boy als Weichei?

"Wir wollen kein Single-Katalog sein, wie diese ganzen anderen Partnervermittlungen im Internet", sagt Meran. Dieses klassische Face-to-Face-Dating funktioniere doch gar nicht. Deshalb sind die beiden Münchner auf die Sache mit den Events gekommen. "Pro Monat organisieren die User an die 420 Events."

Im Laufe der letzten zehn Jahre habe man schon einiges erlebt mit den 'Müsis', berichtet Meran. Hochzeiten und Babys habe es schon so viele gegeben, dass man sie nicht mehr zählen könne. Aber auch komische und delikate Vorkommnisse waren dabei. Etwa als eine Frau bei einer Party ihren eigenen Mann getroffen hat.

Ein Kommunikationsweg bei den "Müsis" sind auch die Foren. Diese öffentlichen Chats gibt es zu allen möglichen Themen. "Sex beim ersten Date" ist da genauso ein Thema wie "Sind Seitensprünge erlaubt?", "Lieber Bad-Boy als Weichei?" oder "Abserviert, weil ich nicht genug Kohle habe". Manche suchen aber auch ein WG-Zimmer, einen guten Zahnarzt oder einen Golfpartner. In den Foren kann sich jedes Mitglied an der Diskussion beteiligen. Was man dort zu lesen bekommt, ist oft interessant, manchmal aber auch schräg und durchgeknallt. Manche ticken so aus, dass sie gesperrt werden müssen.

Manche ticken aus

Auch Birgit Herrmann (Name von der Redaktion geändert) weiß von ähnlichen Erfahrungen zu berichten. Die 45-Jährige ist seit zwei Jahren "Müsi"-Mitglied. Nachdem ihre 19-jährige Ehe scheiterte, machte sie sich auf die Suche nach neuen Bekanntschaften.

Von den "Müsis" ist sie zwar begeistert, weil sie so viele nette Leute für gemeinschaftliche Unternehmungen kennengelernt hat. Doch einmal, als ein User unbedingt noch bei einem Kinoabend dabei sein wollte, die Teilnehmerliste aber bereits geschlossen war, drohte der Mann mit einem Amoklauf. Der User musste gesperrt werden. "Vor allem bei Events in Privatwohungen sollte man vorsichtig sein", sagt Herrmann. Man wisse schließlich oft nicht, wen man sich da in die Wohnung hole.

Obwohl das Netzwerken bei den meisten "Müsis" gut zu funktionieren scheint, gibt es auch enttäuschte Stimmen. Einer schreibt geknickt im Forum: "Kein Date, kein Sex, warum bin ich dann hier?". Und ein anderer stellt fest: "Tagsüber müllen einen die pubertären, frustrierten Singles zu, und nachts kommen die Besoffenen dazu."

Auf negative Erfahrungen angesprochen schüttelt Lisbeth Müller heftig ihren Lockenkopf. Nein, bisher könne sie nur Positives berichten. Der letzte "Volltreffer", wie die 38-Jährige ihre Männerbekanntschaften bezeichnet, hätte sie sogar über ein verlängertes Wochenende an die Côte d'Azur eingeladen. "Gut", gibt sie zu, "gehalten hat bisher noch keine der 'Müsi'-Beziehungen." Aber wenn eine Liaison gescheitert ist, könne man sich sofort wieder auf Events und Bekanntschaften stürzen. "Für Nachschub ist quasi immer gesorgt."

© sueddeutsche.de/sonn

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