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Münchner Momente:Die Wahl der Häuptlinge

Stichwahlen sind keine Erfindung unserer Tage, das kannten schon die alten Gallier. Und schon damals gab es Social Distancing

Kolumne von Martin Bernstein

In krisenhaften Zeiten entsinnt sich der Mensch ja gerne mal seiner Vorfahren und deren Problemlösungskompetenzen. Wer jetzt glaubt, es folgt der nächste Schäfflertanz-Text, sei indes beruhigt: Aus aktuellem Anlass wollen wir weiter in der Geschichte zurückgreifen - viel weiter. Von Wahlen im Allgemeinen soll die Rede sein und von Stichwahlen im Besonderen. Und von dem Teil unserer Vorfahren, der als Kelten oder Gallier bezeichnet wird. Zu weit hergeholt? Mitnichten. Isar, Würm, Amper, Glonn - alles keltische Namen. Wir Münchner sind Gallier, beim Teutates!

Wie die es mit Wahlen hielten, hat der am Dienstag im Alter von 92 Jahren gestorbene französische Gallier-Experte Albert Uderzo herausgefunden. In seinem vor gut 50 Jahren veröffentlichten Standardwerk zu Wahlen im keltisch-gallischen Bereich "Der Kampf der Häuptlinge" beschreibt er das Verfahren: "Wenn die beiden Häuptlinge gleich stark sind, dann haben sie das Recht, sich Strohballen an den Kopf zu werfen. Das nennt man Stichwahl." Die Illustration zeigt, dass die Kontrahenten das aus einiger Entfernung - schätzungsweise etwa zwei Meter - auf Schilden hoch über den Köpfen des Wahlvolks tun. Ohne direkten Kontakt. Sehr vorausschauend. Es ist sicher kein Zufall, dass just dieser Band aus der "Asterix"-Reihe der erste war, der auch auf Münchnerisch veröffentlicht worden ist.

In seinem Spätwerk hat Uderzo die Frage der richtigen Wahl noch einmal aufgegriffen und erklärt, welche besonderen Bestimmungen galten, wenn Frau und Mann gleichzeitig um die gallische Häuptlingswürde konkurrierten. Auch dieses Verfahren hat mit leichten Abwandlungen die Zeit überdauert. Weil es damals noch kein Kreisverwaltungsreferat gab, erklärt ein Druide das Procedere: "Jeder von uns geht jetzt einzeln in die Hütte", sagt er. Social Distancing, natürlich. Dann stimmt jeder Wahlberechtigte mit einem weißen oder gelben Kieselstein ab. Die Namen der Kandidaten: Gutemine und Majestix.

© SZ vom 25.03.2020

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