München/Wolfratshausen "Die Isar ist für alle da"

Im Mühltal bei Straßlach im Landkreis München steht Europas längste Floßrutsche.

(Foto: Claus Schunk)

Flößer Michael Angermeier hält nichts von Verboten und Einschränkungen auf dem Fluss. Er setzt auf die Vernunft der Menschen

Von Christina Hertel, München/Wolfratshausen

Michael Angermeier, 68 Jahre alt, ist Flößer so wie sein Vater und dessen Vater vor ihm. Anders als sie befördert er keine Waren auf der Isar, sondern Menschen, die Spaß haben, Bier trinken und die Landschaft genießen wollen. Am 1. Mai beginnt dafür wieder die Saison - dann werden er und sein Team jeden Tag zwischen Wolfratshausen und Thalkirchen Touristen, Freundeskreise, Kollegen und Vereine befördern. Fertig sein dafür muss das meiste allerdings schon diese Woche - denn an diesem Dienstag begutachten Fachleute, ob die Floßgassen, die an den Wasserkraftwerken und Wehranlagen vorbeiführen, sicher sind. Und bis dahin, sagt Angermeier, gehe es bei ihm rund - weil er noch so viel vorbereiten müsse.

Wenn man ihn fragt, ob er mit fast 70 Jahren immer noch selbst auf dem Floß das Ruder in den Händen hält oder in dem Alter eher im Büro den Papierkram erledigt, klingt er fast ein wenig beleidigt. "Na freilich fahre ich mit", sagt er. Und: "Wenn Sie einmal eine Floßfahrt mitgemacht hätten, wüssten Sie, dass man da nicht lieber im Büro sitzen mag - so schön ist das." Und Ruhestand? "Das wäre ja langweilig." Angermeier sagt, ihm gefalle es, etwas zu tun zu haben. Und kurz bevor er Anfang Mai zum ersten Mal wieder mit dem Floß auf der Isar unterwegs ist, sei es besonders viel. Da müssen er und sein Team die Holzstämme zuschneiden und die Ruder herrichten. "Das kann man nicht im Baumarkt kaufen. Das muss man alles selber machen." So ein Floß besteht aus Fichtenstämmen, ist um die 20 Tonnen schwer, bis zu 18 Meter lang und hält jeweils ein Jahr. 300 Fahrten macht Angermeiers Betrieb in einer Saison, mit zwei, drei Flößen unter der Woche und fünf an den Wochenenden. Schon Ende Februar waren die Termine heuer praktisch ausgebucht - so wie in den Jahren zuvor.

Die Fahrt beginnt für die Passagiere bei Wolfratshausen, dann fahren sie 30 Kilometer bis nach Thalkirchen. Vier bis sechs Stunden dauert das. Auf dem Weg durchqueren sie bei Pullach, Höllriegelskreuth, Mühltal, Baierbrunn und Icking Floßgassen. Das sind Rutschen mit einem Holzboden, die an den Wasserkraftwerken und Wehranlagen am Fluss vorbeiführen. Jedes Jahr setzt sie der Wasserkraftwerksbetreiber Uniper instand. Dieses Jahr hat das Unternehmen dafür 50 000 Euro ausgegeben. Rund 500 Stunden dauerte es laut Pressesprecher Theodoros Reumschüssel, den Holzboden der Rutschen auszubessern. Ob sie sicher sind, überprüfen Experten an diesem Dienstag. Erst dann geben sie die Floßgassen für den Betrieb frei.

Etwa 700 Floße waren laut Pressesprecher Reumschüssel im vergangenen Jahr auf der Isar unterwegs - ein Bruchteil verglichen mit dem, was früher einmal auf dem Fluss los war: Im 19. Jahrhundert sollen bis zu 11 000 Flöße auf der Isar gefahren sein. Sie brachten Holz, Steine und Kalk in die Stadt. Ohne seinen Berufsstand, sagt Flößer Angermeier, hätte München nicht gebaut werden können. Sogar das Holz für die Frauenkirche etwa sei auf Flößen antransportiert worden. Dann aber wurden immer mehr Straßen gebaut, der Lastwagen erfunden und die Flöße verloren an Bedeutung. Und so habe sich in den Sechzigerjahren sein Transport- in ein Tourismusunternehmen gewandelt, sagt Angermeier.

Immer populärer seien die Floßfahrten allerdings erst um die zehn Jahre später geworden. Damals kamen laut Angermeier Studentenverbindungen auf die Idee, dass es Spaß macht, gemeinsam mit ein paar Bierfässern auf der Isar entlang zu schippern - und andere machten es nach. Inzwischen sind nicht nur Flöße, sondern jedes Jahr auch Hunderte Schlauchboote auf dem Fluss unterwegs. Dass Politiker nun diskutieren, sie zu verbieten oder neue Regeln zu erlassen wie eine Fahrerlaubnis nur von Juni bis Oktober, sieht Angermeier kritisch. Zwar beobachte auch er mit Sorge, dass einige Schlauchbootfahrer zu laut sind und zu viel Müll hinterlassen, doch aus seiner Sicht sollten die Behörden lieber an die Vernunft der Menschen appellieren. "Man muss den Leuten doch auch Freiheiten lassen", sagt Angermeier. So wie die Berge oder die Wälder sei auch die Isar für alle da.