Zivilcourage:Wie man in brenzligen Situationen handeln sollte

Denkmal für Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln, 2019

Ein Denkmal des Künstlers Stefan Rottmeier erinnert an Dominik Brunner am S-Bahnhof in Solln.

(Foto: Robert Haas)

Was tun, wenn jemand belästigt, beschimpft oder bedroht wird? Der Verein "Zivilcourage für alle" gibt in einer Aktionswoche praktische Trainings und rät dazu, sich zuerst dem Opfer zuzuwenden, nicht dem Täter.

Von Joachim Mölter

Wer hat das nicht schon erlebt, wenn er mit der U- oder S-Bahn unterwegs war, mit dem Bus oder der Tram: Da wird jemand belästigt, beschimpft, bedroht - und je mehr Leute es mitkriegen, desto weniger wird dem bedrängten Menschen geholfen. Als "Bystander-Effekt" kennt die Psychologin Verena Berthold dieses Verhalten, wobei man "Bystander" wohl am besten mit zufälligen Zuschauern übersetzen kann. "Weil sich jeder auf den anderen verlässt, macht am Ende keiner was", sagt Berthold.

Das will sie ändern mit dem Verein, dem sie vorsitzt: "Zivilcourage für alle". Der 19. September ist bereits vor einiger Zeit zum Tag der Zivilcourage ausgerufen worden, und in diesem Jahr hat das bundesweite "Netzwerk Zivilcourage" erstmals sogar eine ganze Aktionswoche bis zum kommenden Sonntag initiiert, um die Bürger zu engagiertem Eingreifen zu ermuntern.

"Ich finde das ganz wichtig", sagt der Schauspieler, Kabarettist und Musiker Roland Hefter, den Berthold und ihre Mitstreiter gerade als Schirmherrn ihres Vereins gewonnen haben. Als Musiker sei er oft nachts unterwegs und erlebe brenzlige Situationen auch auf der Straße, erzählt Hefter und gibt zu: "Ich weiß dann auch oft nicht, wie ich mich verhalten soll." Um die Aufmerksamkeit für die Aufklärung zu schüren, hat er gerade ein Lied komponiert, "A bisserl mehra schaun". Das Video dazu verbreitet der Verein am Sonntag über seine Kommunikationskanäle.

Auslöser für die Gründung von "Zivilcourage für alle" war der Tod von Dominik Brunner am 12. September 2009. Der Geschäftsmann hatte damals vier Schüler vor zwei gewalttätigen Jugendlichen beschützen wollen und war dabei am S-Bahnhof Solln niedergeschlagen und tödlich verletzt worden. Daraufhin erarbeiteten Sozialpsychologen der Ludwig-Maximilians-Universität mit Studenten Handlungsempfehlungen für solche Fälle. Einige Teilnehmer fanden, dass dieses Wissen nicht in der Uni verstauben sollte, sondern als quasi angewandte Wissenschaft der Öffentlichkeit nahegebracht werden müsse.

Seitdem versuchen das die Mitglieder von "Zivilcourage für alle", ausgehend vom Kerngedanken, dass niemand für einen couragierten Einsatz sein Leben riskieren muss. "Wir vermitteln, wie in Notsituationen gehandelt werden kann, ohne sich selbst zu gefährden", sagt Karen Schnieders, die für den Verein die Öffentlichkeitsarbeit macht. "Wenn die Fäuste schon fliegen, ist es nicht ratsam, dazwischenzugehen", warnt auch Verena Berthold.

Was kann man stattdessen tun? "Macht die Augen auf, schaut hin und nicht weg, macht den ersten Schritt", sagt Berthold; es ist genau das, was auch Roland Hefter besingt. Bei den eingangs geschilderten Situationen brauche es im Grunde nur einen, der mal anfängt und aufsteht, der sich Verbündete sucht, um die Konfliktsituation zu lösen, sagt Berthold: "Alles ist hilfreich. Es ist nachrangig, was ich tue - Hauptsache ist, ich tu überhaupt was." Nur aggressiv den Täter zu konfrontieren, sei keine gute Idee. Sie rät eher zur Deeskalation, dazu, sich dem Opfer zuzuwenden, nicht dem Täter; das Opfer aus der Situation rauszuziehen und den Täter damit ruhigzustellen.

Wie man Menschen in Bedrängnis noch helfen kann, erklären die Vereinsmitglieder bei den offenen Schulungen, die sie in regelmäßigen Abständen anbieten. Während der Corona-Pandemie ging das nur über Videokonferenzen, da fielen dann die Rollenspiele weg, die sie bei den Präsenzveranstaltungen machen. Die Zivilcourage-Leute halten aber nicht nur Trainings ab, sie werden auch von Firmen, Organisationen und Bildungseinrichtungen gebucht, sogar weit über München hinaus. Sie waren schon im Allgäu und in Oberfranken, weil es in Bayern kaum Klubs gibt, die sich mit dem Thema befassen. Die Münchner halten Vorträge, sitzen bei Podiumsdiskussionen, reden bei Poetry Slams mit. Auch bei der Kinderwissenssendung Checker-Tobi im Fernsehen haben sie mitgemacht. "Das sind Projekte, die Spaß machen, und da haben wir auf einen Schlag auch eine große Reichweite", sagt Berthold.

"Man kann tausend Sachen machen", sagt Karen Schnieders, "es ist nur eine Frage der Man- und der Woman-Power." Momentan gibt es 14 aktive Mitglieder, alle ehrenamtlich; einige weitere haben sich gerade eine Auszeit genommen. "Wir können gar nicht alle Anfragen annehmen, die wir bekommen", sagt Schnieders: "Wir brauchen neue Trainer, am besten Leute, die auch tagsüber Zeit haben." Dann könnten sie auch häufiger in die Schulen gehen und dort für mehr Zivilcourage werben.

Die bedeutet ja nicht nur, bei Prügeleien einzuschreiten oder anderen körperlichen Auseinandersetzungen. Auch bei verbaler Gewalt wird sie gebraucht, bei Parolen und Pöbeleien, "Themen, die gar nicht so brachial daherkommen", wie Schnieders sagt: Rassismus am Stammtisch, Sexismus am Arbeitsplatz, Mobbing in der Schule, Hetzte im Internet. "Laut zu sagen, das lasse ich nicht so stehen, ist auch Zivilcourage", findet sie: "Das kann einen Riesenunterschied machen, wenn man nur was sagt."

"Nur was sagen" sei in Diktaturen etwas völlig anderes, findet Karen Schnieders und verweist auf die Frauen in Afghanistan, die sich damit tatsächlich in Lebensgefahr begeben. Im Vergleich dazu, findet Schnieders, "kann das für uns nicht so schwierig sein".

© SZ vom 17.09.2021/kafe
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