bedeckt München 26°

Terrorattacken:Zivilcourage zählt

Nach Messerattacke in Würzburg

Kerzen und ein Zettel mit dem Wort "Mut" stehen an der Stelle in der Würzburger Innenstadt, wo ein Mann im Ende Juni mit einem Messer auf Einkäuferinnen und Passanten losgegangen ist. Auch ihm haben sich mutige Menschen entgegengestellt. (Archivbild)

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Terroristische Attentäter werden oftmals durch bewundernswerte Zivilcourage gestoppt. Der Staat verhält sich beschämend kleinlich, wenn es darum geht, Helfer zu belohnen.

Kommentar von Ronen Steinke

Es war nicht die Vorratsdatenspeicherung, die den Somalier aufgehalten hat, der in Würzburg vor zwei Wochen mit einem Messer auf Einkäuferinnen und Passanten losgegangen ist. Nein, es war ein 42 Jahre alter kurdischer Asylbewerber aus Iran, Chia Rabiei, der sich dem Täter entgegenstellte, einen Rucksack auf ihn schleuderte, nach ihm trat, kurz: sein Leben aufs Spiel setzte, um das Leben anderer zu schützen. Gemeinsam mit anderen hat er den Täter umringt, ihn mit Flaschen beworfen und so eine noch größere Bluttat verhindert.

Es war nicht ein Staatstrojaner, der vier Jahre zuvor den Palästinenser gestoppt hat, der in einem Supermarkt in Hamburg-Barmbek auf Passanten einstach. Nein, es war Toufiq Arab, der 21 Jahre alte afghanische Azubi im Supermarkt, der von seinem Platz aufsprang und dem Täter hinterherrannte. Sein Mut hat dann andere angesteckt. Draußen auf der Straße wuchs die Gruppe an, mit Café-Stühlen hielten sie den Täter in Schach. Das war nicht der Mut der Verzweiflung. Das waren nicht Menschen, die in die Enge getrieben waren. Sie sind bewusst auf einen Mörder zugelaufen.

Es war auch keine Rasterfahndung, die den Syrer aufgehalten hat, der in Chemnitz vor fünf Jahren hochexplosiven Sprengstoff angerührt hatte. Es waren Männer, die ebenfalls aus Syrien geflohen waren. Es waren der damals 28 Jahre alte Maschinenbauer Ahmed E. und seine beiden Freunde Mohamed A. und Sami M., die den Terroristen überwältigten und ihn als quasi schon fertig verschnürtes Paket an die sächsische Polizei übergaben. Danach mussten sie von der Polizei in einer "sicheren Unterkunft" versteckt werden. Aus Angst vor der Rache der Islamisten.

Viele Retter haben selber ein schwieriges Leben gehabt

Die vergangenen fünf Jahre sind in Deutschland eine Zeit der Verletzung gewesen, angefangen mit der Axt-Attacke eines 17 Jahre alten Pakistaners in einer Regionalbahn bei Würzburg, die sich an diesem Sonntag jährt. Aber es ist auch eine Zeit bewundernswerter Zivilcourage gewesen. Die Gewalttäter gehen in die Geschichtsbücher ein. Die Menschen, die sich ihnen in den Weg stellen, tun das zu selten. Viele von ihnen haben selber ein schwieriges Leben gehabt, als Flüchtlinge oder als Arbeitsmigranten mit unsicherem Status. Viele von ihnen haben das noch heute.

In Frankreich wurden solche Akte der Zivilcourage großzügig belohnt. Der Präsident lud in den Élysée-Palast ein, verlieh die Staatsbürgerschaft. Wie kleinlich ist demgegenüber die offizielle deutsche Haltung in diesen Fällen, die besagt: Pässe sind keine Belohnung, Aufenthaltstitel gibt es nur streng nach Vorschrift? Deutschland ist ein Land, das auch Spitzenforscher und sogar Spitzensportler bei der Einbürgerung bevorzugt. Für Menschen, die ihr Leben riskieren, um sich schützend vor Schwächere zu stellen, darf das ruhig auch gelten. Das sind Charaktere, wie man sie gar nicht genug haben kann in einem Land.

Mindestens genauso wichtig ist: Das sind Menschen, die oft für den Rest ihres Lebens einen Preis zahlen. Mal sind es Albträume, mal Traumata. Der "Held von Nizza", Franck Terrier, der die Todesfahrt eines Islamisten stoppte, indem er bei voller Fahrt ins Führerhäuschen des Lkw kletterte und bremste, hat Monate später versucht, sich das Leben zu nehmen. Er leide darunter, nicht "mehr Leben gerettet zu haben". Auch deshalb ist es die Pflicht der Gesellschaft - auch in Deutschland -, die Solidarität der Retter zu erwidern.

© SZ/hij
Zur SZ-Startseite

SZ PlusWürzburg
:Und sie dachten, es wäre vorbei

Vor fünf Jahren geht ein Jugendlicher in einem Zug bei Würzburg mit einer Axt auf Menschen los. Und jetzt die Messerattacke vor drei Wochen - dabei kämpfen Opfer, Retter und so viele Andere noch mit den Folgen von 2016.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB