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München:"So alt zu werden, ist ja heutzutage asozial"

Mehr als ein halbes Leben hat Reiner Zimnik in der Wohnung verbracht.

(Foto: Catherina Hess)

Der Zeichner Reiner Zimnik wird mit 88 Jahren aus seinem Zuhause an der Veterinärstraße vertrieben. Der Eigentümer setzt die Zwangsräumung durch - entscheidend für das Urteil war wohl das Gutachten eines Kardiologen.

"Ich glaube, dass ich das nicht lange überleben werde: Die Goschen geht zwar noch, aber ich bin schon sehr schwach." Wenn Reiner Zimnik so flapsig über sich selbst und den Auszug aus seiner Wohnung spricht, dann klingt das bitter. Aber man hört bei dem Treffen mit ihm und seiner Ehefrau Christl-Ilona Mattes heraus: Der bekannte Zeichner und Schriftsteller verfügt über eine gehörige Portion schwarzen Humors und Selbstironie. Man könnte ebenso sagen, er versucht in all dem Schlamassel, in den er an seinem Lebensabend noch geraten ist, Haltung und Würde zu bewahren. In Selbstmitleid verfällt er jedenfalls nicht.

Dabei hätte der 88-Jährige seit dem Donnerstag der vergangenen Woche dazu guten Grund: Pünktlich um 10 Uhr erschienen zwei junge Gerichtsvollzieherinnen vor seiner Wohnung an der Veterinärstraße 8, um die gerichtlich angeordnete Zwangsräumung zu vollstrecken. Zimnik musste seinen Wohnungsschlüssel abgeben. Beim Verlassen der Wohnung, erzählt seine Frau, habe er sich noch einmal umgedreht und gesagt: "60 Jahre ..." Mehr nicht, dann seien ihm die Tränen gekommen.

Im November 2015 erhielt Rainer Zimnik die erste Kündigung. Am 28. September 2016 berichtete die SZ über den bevorstehenden Prozess.

Bis Ende des Monats hat Zimnik jetzt noch Zeit, seine Möbel, Kleider, Einrichtungsgegenstände, vor allem aber seine Kunstwerke, die noch da sind, abzuholen. Er selbst zieht zu seiner Frau, die an der Adalbertstraße eine kleine Wohnung hat - ohne Küche. Wenn er dann eines nicht zu fernen Tages nicht mehr sei, sagt Zimnik, solle sie nach und nach seine Bilder und Zeichnungen verkaufen: "Das ist doch eine schöne Aufgabe für eine Witwe", frotzelt der Zeichner, und selbst seine Lebensgefährtin muss lachen, wenn auch etwas gequält.

Reiner Zimnik wird 1930 in Oberschlesien geboren, als er 14 Jahre alt ist, flieht seine Familie nach Bayern. "Meine Begabung fürs Zeichnen hat sich bereits in der Schule gezeigt", erzählt er. Ein Onkel, der bei einem Verlag arbeitete, brachte ihm aus der Arbeit Leerbände mit, die er dann vollzeichnete. Schon als Kind habe er sich stundenlang mit Blei- und Buntstiften beschäftigen können. Von 1952 bis 1956 studierte er Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in München. Zu seinen künstlerischen Vorbildern zählten Saul Steinberg und Alfred Kubin. Direkt im Anschluss zog Zimnik in das nicht weit entfernte denkmalgeschützte Biedermeierhaus an der Veterinärstraße 8, das den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstanden hatte.

Vor allem das Atelier im dritten Obergeschoss hat es ihm angetan. Und dort entstehen schon bald die Figuren, für die ihn noch heute viele Menschen lieben. "Mein Entdecker beim Fernsehen hieß Kurt Wilhelm", erklärt Zimnik. Und so begann Mitte der 1950er-Jahre seine Zusammenarbeit mit dem BR - damals, in der Frühzeit des Pantoffelkinos, ein echtes TV-Experiment. Die erste von Zimnik geschaffene Figur, die auf dem Bildschirm erschien, war der "Lektro", eine "mehr poetische Figur", wie ihr Schöpfer sagt. Ihr war ein gewisser Erfolg beschieden, weshalb Zimnik von den Fernsehleuten gebeten wurde, eine neue Figur zu entwickeln. Und so entstand sein "bayerischer Jedermann, der Sebastian Gsangl".

Stets blieb Zimnik der Erfolg treu - außer vor Gericht

Worum es darin ging, verdeutlichte Zimnik im Untertitel eines Gsangl-Buches: "Meinungen eines gutmütig-grantligen Bayern mit Bürgermut". Gemessen am Erfolg seiner Schöpfung, scheint Zimnik dabei den Zuschauern aus dem Herzen gesprochen zu haben. Regie, Musik und das gesprochene Wort für die Fernsehfolgen mit Gsangl steuerten Zimniks Freunde Kurt Wilhelm und Rolf Alexander Wilhelm sowie Joachim Fuchsberger bei. "Die Sendung bedeutete richtig viel Arbeit für mich, oft viele Tage lang", blickt Zimnik zurück.

Für eine Ausstrahlung von nur wenigen Minuten bedurfte es vieler sorgfältiger Zeichnungen, die er auf dem Fußboden seines Ateliers Szene für Szene großflächig ausbreitete und aneinanderreihte. Später wurden diese dann im Studio abgefilmt und mit einer Stimme unterlegt. Der Lohn dafür: "Mit dem TV-Honorar erkaufte ich mir Zeit für meine freie Kunst."

Tatsächlich bleibt ihm auch in der Folgezeit der Erfolg treu. Wobei er nicht nur mit dem Zeichen-, sondern auch mit dem Schreibstift zu überzeugen weiß. Unter anderem wurden ihm der Literaturpreis der Landeshauptstadt München, der Eichendorff-Literaturpreis, ein Villa-Massimo-Stipendium und der Bayerische Poetentaler verliehen. Wohl nicht zu Unrecht sagt Zimnik deshalb über sich: "Ich bin eine Doppelbegabung." Seine Bücher, merkt seine Frau an, seien in mindestens 18 Sprachen übersetzt worden. Besonders in Asien sei sein Werk gerade sehr gefragt. Das Buch "Die Trommler für eine bessere Zeit" sei soeben in Japan wieder aufgelegt worden, bestätigt Zimnik.

So ist im Verlauf von mehr als fünf Jahrzehnten in dem Atelierhaus am Rande des Englischen Gartens ein bewunderungswürdiges Werk entstanden. Vielleicht hat Reiner Zimnik so manche Geschichte und manches Bild hier glücklich erträumt - auf dem Bett im Schlafzimmer liegend, während das goldflirrende Licht der Nachmittagssonne den Raum erfüllt, Vogelgezwitscher und Blätterrauschen durch das offene Fenster dringen und die Türme der Ludwigskirche gerade noch knapp oberhalb der Baumwipfel zu sehen sind.

Solche Träume sind, wie gesagt, seit dem Donnerstag der vergangenen Woche ausgeträumt. Doch angedeutet hat sich der zwangsweise Abschied aus der Altbauwohnung bereits im November 2015, als ihm die Eigentümer, ein Ehepaar mit zwei Kindern, den Mietvertrag wegen Eigenbedarfs kündigen. Dagegen wehrt sich Zimnik und bekommt in erster Instanz vor dem Amtsgericht auch recht. Woraufhin die Eigentümer Widerspruch einlegen und in Berufung gehen. Das Landgericht München I erkennt schließlich im März dieses Jahres die Eigenbedarfsgründe des Ehepaars an, dieses Urteil hat für Zimnik die Zwangsräumung zur Folge.

Die Art und Weise aber, wie dieses Urteil zustande kam, macht den Zeichner und seine Frau Christl-Ilona Mattes noch immer fassungslos: Über einen längeren Zeitraum stellte ihnen ein offenkundig von den Eigentümern engagierter Privatdetektiv nach, schnüffelte in ihrem privaten Umfeld herum und verfolgte sie immer wieder. Als sie beispielsweise einmal einen Ausflug in den Biergarten eines befreundeten Wirts machten, schoss der Detektiv Fotos von Zimnik, die zeigen, wie er vor einer Halben Radler sitzt. Dieses Foto soll der Vermieter wiederum dem Gericht vorgelegt haben, um damit zu belegen: So krank kann der Mann nicht sein. Dass selbst todkranke Menschen noch in der Lage sind, die wenigen Schritte vom Auto bis zum Sitzplatz im Biergarten zu bewältigen, lässt sich allerdings bei manchem Ausflug von Pflegeheimbewohnern beobachten.

Reiner Zimnik, Zeichnung "Sebastian Gsangl"

Sebastian Gsangl

(Foto: Catherina Hess)

Entscheidend für das Urteil war aber wahrscheinlich das ärztliche Gutachten eines bekannten Kardiologen. Der Mediziner kommt darin, kurzgefasst, zu dem Schluss, die Kündigung und der damit verbundene Auszug aus der Veterinärstraße seien Zimnik zumutbar. Zimnik hingegen verweist darauf, dass er schon mehrere Operationen am Herz überstehen musste und seitdem über eine künstliche Herzklappe, Bypässe und einen Stent verfügt und von einem Herzschrittmacher abhängig ist. Mehr als 50 Meter könne er am Stück nicht gehen. Zu allem Überfluss leidet er auch noch an starker Schwerhörigkeit, weshalb er die Gerichtsverhandlung persönlich nicht verfolgen konnte. Und seinen Alltag bewältigt er nur dank seiner Frau und des benachbarten Hausarztes, der ihn regelmäßig betreue. Wobei auch hier der Ironiker in ihm zum Vorschein kommt: "So alt zu werden, ist ja heutzutage asozial."

Vier Jahre anstrengenden Widerstands gegen den Verlust der Wohnung sind mit der Niederlage vor Gericht nun abgeschlossen. "Wir können nicht mehr", gesteht Christl-Ilona Mattes. Sie hoffe nur, dass es irgendwie weitergehe. Und wie reagiert Reiner Zimnik? Am Ende des Gesprächs sagt der zeichnende Schriftsteller: "Ich tröste mich zurzeit mit dem Gedanken: Ein Künstlerleben muss nicht so glatt verlaufen wie ein bürgerliches Leben." Seine Frau kann das nicht beruhigen. Sie sagt mit zitternder Stimme: "Es ist so verdammt ungerecht. Zimnik hat doch den Menschen so viel Freude gemacht im Lauf seines Lebens."

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