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Wachstumsdebatte:660 neue Wohnungen - Riesengewinn oder schwere Belastung?

Quartiersplatz Fürstenried

So könnte der neue Quartiersplatz der Wohnanlage der Bayerischen Versorgungskammer in Fürstenried aussehen, wenn das Projekt zur Nachverdichtung beendet ist. Simulation: Nightnurse images

Eine Siedlung an der Appenzeller Straße wird erweitert. Dass das Projekt größer als ursprünglich geplant ausfällt, stößt bei vielen Stadträten auf Kritik.

Eine in die Jahre gekommene Siedlung, der eine Auffrischung guttun würde. Dazu ein seriöser Eigentümer, der mit seinem Immobilienbestand nicht spekuliert, sondern ihn langfristig zum Vermieten behält: Eigentlich waren die Voraussetzungen gut für ein gelingendes Projekt zur Nachverdichtung. Eines, das nicht nur Wohnraum schafft, sondern auch breite Akzeptanz findet in der Nachbarschaft wie im Münchner Stadtrat.

Doch beim geplanten Bauprojekt der Bayerischen Versorgungskammer (BVK) an der Appenzeller Straße in Fürstenried West hat das dennoch nicht geklappt. Erst nach langer Diskussion verabschiedete der Planungsausschuss des Stadtrats am Mittwoch den Billigungsbeschluss für den neuen Bebauungsplan, mit dem Baurecht für 660 zusätzliche Wohnungen geschaffen werden soll.

Die vielen kritischen Anmerkungen von Stadträten dürften die Gegner des Projekts aus dem Quartier am südwestlichen Stadtrand an der Grenze zu Neuried bestärken. Allerdings werden die zu erwartenden Einwände erfahrungsgemäß keine wesentlichen Änderungen am Bebauungsplan mehr verursachen. Bis die Bauarbeiten beginnen, wird es dennoch ein wenig dauern. Die Versorgungskammer plant mit dem Start "nicht vor 2022".

Das enorme Wachstum Münchens - die Verwaltung prognostiziert bis 2040 einen Bevölkerungszuwachs um etwa 300 000 Einwohner auf rund 1,85 Millionen - stellt die Stadtplanung und die Politik ständig vor kaum zu lösende grundsätzliche Konflikte: Die Ausweisung neuer Siedlungsgebiete wie derzeit in Freiham und künftig vielleicht im Nordosten und im Norden rund um Feldmoching sorgt ebenso für Widerstand wie die Nachverdichtung, also die Schaffung von Wohnraum in bereits bestehenden Quartieren.

Gegner argumentieren mit der Gefährdung gewachsener Strukturen, dem Verlust einer Identität Münchens oder mit der Gefährdung des Stadtklimas durch zu viel Bebauung. Befürworter hingegen verweisen auf die Not derjenigen, die eine bezahlbare Wohnung in München suchen, darunter viele, die mit mäßig bezahlten Jobs die Stadt am Laufen halten.

Ursprünglich waren 540 zusätzliche Wohnungen geplant

Für einige von ihnen könnte die Siedlung an der Appenzeller Straße in einigen Jahren eine Lösung bieten. Zwischen 1968 und 1972 entstanden auf einem etwa 17 Hektar großen Gebiet (zum Vergleich: die Theresienwiese hat 42 Hektar) 1500 Wohnungen. Sie gehören fünf berufsständischen oder kommunalen Versorgungswerken, die durch die BVK vertreten werden. 2016 gab es einen städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerb mit der Maßgabe, 540 zusätzliche Wohnungen dort unterzubringen, aber auch drei Kitas, Läden und einen neuen Quartiersplatz.

Den Wettbewerb gewann das Architekturbüro LIN gemeinsam mit Holzwarth Landschaftsarchitektur, beide aus Berlin. In den drei Jahren seitdem wurden die Planungen überarbeitet. Die Zahl der Wohnungen stieg auf 660. Zudem setzen die Planer nun weniger auf die Aufstockung bestehender Gebäude und dafür mehr auf Neubauten, die bis zu 18 Geschosse und damit 56 Meter hoch werden sollen.

"Als das Projekt gestartet ist, dachte ich: Wow, das wird ein Modellprojekt für Nachverdichtung. Der Investor erscheint vertrauenswürdig, die Bürgerbeteiligung war vorbildlich." Mit diesem Statement eröffnete der Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher die Debatte am Mittwoch. Inzwischen aber habe sich erheblicher Ärger breitgemacht. "Durch die Erhöhung der Zahl von Wohnungen wurde viel Wohlwollen zerstört - und die Nachverdichtung generell in Misskredit gebracht."

Das sei der Zugewinn an Wohnraum nicht wert. Noch dazu sehe die Planung inzwischen auch "einen Eingriff in das benachbarte Landschaftsschutzgebiet vor, das ist ein gefundenes Fressen für Leute, die das Projekt gar nicht wollen". Hans Podiuk (CSU) sieht "in der vorgesehenen Verdichtung eine schwere Belastung für die Anwohner". In Zukunft müsse man "die Leute besser mitnehmen und ihnen erklären, wie wir die Probleme gegeneinander abwägen". Brigitte Wolf (Linke) ergänzte: "Wir haben das Projekt lange mitgetragen. Aber was jetzt rausgekommen ist, ist keine verträgliche Bebauung." Die Planung sei "nur von den Interessen des Investors her gedacht", der zwar 30 Prozent geförderten, aber zum größten Teil frei finanzierten Mietwohnungsbau schaffe.

Heftiger Widerspruch kam von der SPD-Fraktion. Der zusätzliche Wohnraum werde dringend benötigt, sagte die planungspolitische Sprecherin Heide Rieke. Der nun vorliegende Plan sei das Ergebnis eines "wachsenden Prozesses auf der Suche nach dem besten Ergebnis". Im Übrigen sei der neue Quartiersplatz "ein Riesengewinn für die Siedlung, schließlich reden wir auch ständig darüber, dass wir Treffpunkte im öffentlichen Raum brauchen". Zudem sei die Zahl von 186 Bäumen, die gefällt werden müssen, niedriger als noch nach dem Wettbewerb vorgesehen.

Stadtbaurätin weist Kritik zurück

Stadtbaurätin Elisabeth Merk fühlte sich von der Kritik aus dem Stadtrat persönlich angegriffen und schimpfte zurück: "Ich kann mich nur wundern, die Planung hat keinesfalls hinter verschlossenen Türen stattgefunden." Es habe immer wieder Veranstaltungen für die Öffentlichkeit gegeben, auch die Stadträte seien in internen Runden regelmäßig informiert worden, dabei hätten sie nie Kritik geäußert. "Wir haben die bestmögliche Lösung herausverhandelt, auch mit Ihnen", rief Merk den Stadträten zu. Bei der Abstimmung lehnten ÖDP, Bayernpartei und Linke den Entwurf des Bebauungsplans ab. Zusammen mit der SPD stimmten dann auch CSU, Grüne und die ebenfalls skeptische FDP zu. Ansonsten hätten sie den Vorwurf riskiert, die Genehmigung von neuem Wohnraum zu verschleppen.

Es gab im Ausschuss am Mittwoch aber auch noch eine räumlich wie inhaltlich ganz anders gelagerte Nachverdichtungsdebatte, beim Tagesordnungspunkt "Rahmenplanung Wasserburger Landstraße". Auf Antrag des Bezirksausschusses Trudering-Riem hat sich das Planungsreferat in einer Studie damit beschäftigt, wie entlang von fast vier Kilometern von der Bajuwarenstraße bis zur Stadtgrenze nach Haar sinnvoll nachverdichtet und der Straßenraum damit auch aufgewertet werden könnte. Derzeit sei sie "wenig abwechslungsreich" und bleibe "hinter ihren Potenzialen zurück", schreibt das Referat. Mit der Rahmenplanung wolle man "ein stadt- und freiräumliches Zielbild für die weitere Entwicklung vorlegen".

Nachdem die Studie nun vorliegt, will die Verwaltung als nächstes das Thema mit den Bürgern diskutieren und Ende des Jahres den Stadtrat über das weitere Vorgehen entscheiden lassen. Für eine genauere Untersuchung der Potenziale für Nachverdichtung geht das Referat von einem Realisierungszeitraum bis 2040 aus. Es handelt sich also, anders als in Fürstenried, um den Beginn eines Nachverdichtungsprozesses, den die Verwaltung nun weiter vorantreiben soll, wie der Planungsausschuss einstimmig beschloss. Es sei, wie Grünen-Stadtrat Herbert Danner anmerkte, "ein einmaliger Fall, dass die Nachverdichtungsdebatte von einem Bezirksausschuss angestoßen wurde". Danner sieht in den, wie er findet, "sehr gelungenen Ideen" für die Wasserburger Landstraße ein mögliches "Pilotprojekt für Ein- und Ausfallstraßen".

© SZ vom 06.02.2020/mste

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