Jahreswirtschaftsbericht:Robust, aber nicht sorgenfrei

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Jahreswirtschaftsbericht: Dachdecker arbeiten auf einem Hausdach vor der Kulisse der beiden Turmkuppeln der Frauenkirche.

Dachdecker arbeiten auf einem Hausdach vor der Kulisse der beiden Turmkuppeln der Frauenkirche.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Trotz Corona und schlechter Konjunkturprognosen geht es Münchens Wirtschaft noch gut, im Handwerk jedoch schlägt der Fachkräftemangel voll durch - und weiteres Ungemach droht.

Von Anna Hoben

Die Gewerbesteuer ist die Haupteinnahmequelle der Stadt, für 2022 rechnet diese mit Einnahmen in Höhe von 2,8 Milliarden Euro - bislang noch. Das wäre eine halbe Milliarde weniger als im Rekordjahr 2021 mit seinen 3,3 Milliarden. Doch der prognostizierte Wert für das laufende Jahr könnte noch drastisch nach unten gehen. Angesichts der schlechten Konjunkturprognosen vergleicht Münchens Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) den möglichen Einbruch mit dem Corona-gebeutelten Jahr 2020: Ein erneutes Minus von einer Milliarde bei der Gewerbesteuer sei "eine absolut realistische Größe", sagt er am Dienstag bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts der Stadt. Der erwartete Einbruch bei der Wirtschaftsleistung für das zweite Halbjahr 2022 in Deutschland, ein prognostiziertes Minus von 12,7 Prozent, all das "könne nur beunruhigen", so der Referent.

Sein Fazit bei diesem Rück- und Ausblick fiel dann auch gemischt aus. Die Münchner Wirtschaft sei einerseits "robust", Alarmismus nicht angezeigt. Die Zahlen vom vergangenen Jahr 2021 seien sehr gut, jene für 2022 trieben einem aber eher Sorgenfalten auf die Stirn. Die Frühjahrsprognose der Industrie- und Handelskammer zeige eine deutlich verschlechterte Stimmung der Wirtschaft in der Region. Die Geschäftslage sei zwar derzeit noch weitgehend stabil und die Auftragslage meist gut.

Probleme bereiteten jedoch Knappheit und Lieferengpässe bei Rohstoffen, die hohen und noch steigenden Energiepreise sowie die hohe Inflation. Im Handwerk erweise sich nun der seit vielen Jahren angemahnte Fachkräftemangel als großes Problem. Das treffe auch viele der Nachhaltigkeitsthemen, so Baumgärtner - ohne Handwerker entstünden keine Photovoltaikanlagen oder Windräder.

Jahreswirtschaftsbericht: Freut sich über den boomenden Informations- und Kommunikationssektor: Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner.

Freut sich über den boomenden Informations- und Kommunikationssektor: Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner.

(Foto: Catherina Hess)

Dass die Münchner Wirtschaft so diversifiziert sei, so gut durchmischt, habe trotz aller durch Corona und die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine verursachten Unsicherheiten bisher "größere Verwerfungen verhindert". Für den Herbst rechnet Baumgärtner allerdings damit, dass die steigenden Energiepreise auch Unternehmensinsolvenzen und damit mehr Arbeitslosigkeit zur Folge haben werden.

Für die Münchner Start-ups war 2021 ein Rekordjahr: 4,2 Milliarden Euro haben sie an Investitionsmitteln erhalten. Das durchschnittliche Investitionsvolumen lag bei 24,3 Millionen Euro je Finanzierung - eine Erhöhung um das 3,5-Fache im Vergleich zu 2020. Das Geld floss vor allem in High-Tech-Bereiche wie Unternehmenssoftware oder Robotik. Mit dem Softwareunternehmen Celonis hat München nun sein erstes sogenanntes Decacorn, ein Start-up mit einer Marktbewertung von mehr als zehn Milliarden Dollar - es ist zugleich das einzige Start-up dieser Top-Kategorie in Deutschland.

Wie bedeutend der Informations- und Kommunikationssektor in München geworden ist, zeigt unter anderem folgende Zahl: 93 400 Menschen arbeiten mittlerweile in dem Bereich - knapp elf Prozent aller Beschäftigen in München. Baumgärtner spricht von einer "echten Erfolgsgeschichte" und vom "zweiten großen Standbein neben der Automobilindustrie".

Die Pandemie hat sich 2020 bekanntlich auch auf den Büroimmobilienmarkt ausgewirkt. Doch schon 2021 zeigte sich eine deutliche Erholung. So stieg der Büroflächenumsatz in München um 17 Prozent auf 664 500 Quadratmeter. Dies liegt dennoch rund 15 Prozent unter dem Zehn-Jahres-Durchschnitt. Der Leerstand nahm zu, in München liege die Quote aber nur bei 3,7 Prozent, so Baumgärtner, das sei "annähernd Vollvermietung". Der Trend zum Home-Office scheine sich überdies wieder umzukehren - viele Unternehmen forderten wieder eine gewisse Anzahl an Präsenztagen ein.

Mit am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen war das Gastgewerbe. Dort gab es massive Beschäftigungseinbrüche, die 2021 nochmals bei minus zwölf Prozent lagen. Dank der Automesse IAA wurde laut Baumgärtner "das signifikante Minus wenigstens etwas gedämpft". Während das Beschäftigungswachstum 2020 stagnierte, stieg die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung 2021 wieder an, um 1,2 Prozent oder 10 500 Arbeitnehmer. Die größten Zuwächse gab es in der Informations- und Kommunikationstechnologie, im unternehmensnahen Dienstleistungsbereich und im Gesundheits- und Sozialwesen. Zugleich ist allerdings die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Jahr 2021 massiv angestiegen: um 46,7 Prozent oder 9005 Personen.

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