Schauplatz: Kirche:"Der Sakraments-Empfang ist immer besser geworden"

Lesezeit: 2 min

Zerstörungen in der Frauenkirche
(Foto: SZ-Photo)

Im April 1945 sind die meisten Münchner Kirchen zerstört. Doch die Gläubigen versuchten bis zuletzt, so etwas wie Normalität zu leben.

Von Bernd Kastner

Der Kirchenraum ist mit Trümmern übersät, und auch das große Kruzifix ist von der Decke gefallen: So wie hier die Frauenkirche waren die meisten Münchner Kirchen im April 1945 zerstört. Doch die Gläubigen versuchten bis zuletzt, so etwas wie Normalität zu leben. "Die gesamte Geistlichkeit von St. Sylvester" sei auf ihrem Posten geblieben, berichtete etwa der katholische Schwabinger Pfarrer Franz Krieger. Noch am 29. April, einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner, hätten sie um acht Uhr morgens, "unter deutlich hörbarem Kanonendonner", feierliche Erstkommunion gefeiert. "Die Kinder waren sehr tapfer und die Festfreude bannte die Furcht vor dem Kommenden."

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Michael von Faulhaber, hatte seinen Seelsorgern im Juni 1945 aufgetragen, aus ihren Pfarreien zu berichten. Über Bombenschäden, den Einmarsch der Amerikaner und Plünderungen. Die 560 Berichte lagern im Archiv des Ordinariats, sie wurden 2005 publiziert. Das kirchliche Leben lief demnach auffällig normal weiter, trotz Tod und Zerstörung.

Fast überall fanden weiter Gottesdienste statt. Wenn diese in der Kirche nicht mehr möglich waren, wichen die Katholiken in Luftschutzkeller oder Notkirchen aus. Die Pfarrer spendeten wie gehabt die Sakramente, von der Kommunion bis zum Sündenerlass. Der Krankenhauspfarrer der Frauenklinik an der Maistraße etwa notierte über den 24. März: "Ich war in der Ausweichklinik in Haar. Alles musste in den Keller. Ich wurde ersucht, Generalabsolution zu erteilen." Am 10. April, einem Dienstag, gab es vor sieben Uhr morgens "Kleinalarm": "Ich zelebrierte 7.15 Uhr. Während der Kommunion Schießerei. 10 Uhr Beerdigung der Frau Oberin Cäciliana vom Reginastift." Der Pfarrer von St. Ursula berichtete, da die Kirche anders als andere verschont geblieben sei, seien "fast ununterbrochen" Gottesdienste gefeiert worden. In den letzten Kriegsjahren sei "der Kirchenbesuch besonders gestiegen. Auch der Sakraments-Empfang ist immer besser geworden."

Dass die Münchnerinnen und Münchner die Befreier am Ende freudig begrüßten, missfiel jedoch offenbar so manchem Pfarrer, sei es aus ideologischen oder aus moralischen Gründen. "Ein wenig erfreuliches Bild", schreibt der Kurator der Pfarrei Zu den heiligen 12 Aposteln, "boten jene Civilisten, die an den Straßen sich aufstellten und den Amerikanern zuwinkten. Waren es auch nicht viele, aber unseren deutschen gefangenen Soldaten, die sie vereinzelt mitführten, musste ein solches Benehmen im Herzen weh tun." Und der Pfarrer von St. Emmeram klagte: "Würdelose Mädchen und Frauen empfingen" die Amerikaner "mit Blumen, Umarmungen und Küssen und nahmen sie nachts über in ihre Häuser auf."

Zur SZ-Startseite
Krieg

SZ PlusSZ-Serie
:Zwischen Terror und Angst

Im April 1945 leben die Münchner in Ruinen. Es fehlt an allem. Das Regime ist entschlossen, die Stadt zu verteidigen. Doch die meisten Bürger wollen nur noch überleben.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB