Einzelhandel:Den Münchnern ist die Lust aufs Einkaufen vergangen

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Vor Weihnachtszeit in der Innenstadt.

Die Passanten können heuer Richtung Stachus spazieren, ohne sich ständig gegenseitig anzurempeln.

(Foto: Catherina Hess)

Hohe Inzidenz, kein Christkindlmarkt, mieses Wetter: Am zweiten Adventssamstag kommen 40 Prozent weniger Kunden in die Fußgängerzone als sonst. Und dann gilt bald auch noch 2 G.

Von Andreas Schubert

Der Innenhof des Rathauses ist wieder ein trauriger Anblick. Wo heuer eigentlich die Marktgemeinde Peiting Glühwein ausschenken sollte und sich sonst viele Menschen tummeln, steht nur ein trauriger Christbaum, auch die Weihnachtskrippe fehlt. Am Marienplatz ist an diesem verregneten Samstagnachmittag verhältnismäßig wenig los, abgesehen von den rund 50 Impfgegnern, die sich zur Kundgebung versammelt haben. Es ist der zweite Adventssamstag - ein Termin, an dem sonst in der Innenstadt reges Gedränge herrscht. Doch dieses Jahr ist es anders, man kann ohne mit jemandem zusammenzustoßen, entspannt die Kaufingerstraße und Neuhauser Straße entlanggehen. Ob's am Wetter liegt oder daran, dass die Leute vorsichtig geworden sind, weiß man nicht so genau. Vermutlich stimmt beides.

Es ist aber nicht so, dass die Fußgängerzone komplett leer wäre. Vor einigen Geschäften bilden sich wegen der Einlassbeschränkungen Schlangen, die längste wieder vor dem Kaufhaus TK Maxx. Auch vor eher kleineren Läden stehen Kunden an. Doch allzu lange dauern die Wartezeiten nicht. Am Eingang des Hugendubel am Marienplatz zählt ein älterer Herr im schwarzen Anzug und mit schwarzer Maske die Kunden und regelt den Einlass. Nach fünf Minuten ist man drin, in den Abteilungen ist es dafür entspannt, nicht mal an der Kasse müssen die Kunden lange warten. Eine junge Frau hat sich das Buch "Projekt Lightspeed" über die Entwicklung des Biontech-Impfstoffs gekauft. Wieder draußen, hört man die Impfgegner "Söder muss weg" plärren.

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"Von Geschenkfieber keine Spur"

Eigentlich war mit einem Ansturm auf die Fußgängerzone zu rechnen gewesen. Denn von Mittwoch an gilt im Einzelhandel die 2-G-Regel, nur noch Geimpfte oder Genesene dürfen in die Läden, die nicht in die Kategorie des täglichen Bedarfs fallen. Aber anscheinend ist den Menschen die Lust aufs Shoppen vergangen. "Von Geschenkfieber keine Spur", erklärt Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern. Es seien etwa 40 Prozent weniger Kunden gekommen als an einem normalen zweiten Adventssamstag, woran aber auch das schlechte Wetter einen Anteil habe. Man habe gehofft, dass Kunden, die künftig nicht mehr kommen könnten, die Chance noch nutzten. Ein noch größerer Anteil des Weihnachtsgeschäfts werde sich ins Internet verlagern.

Vor Weihnachtszeit in der Innenstadt.

Tobias Mros ist mit Mops Pluto aus Kitzbühel zum Shoppen gekommen - denn in Österreich sind alle Läden dicht.

(Foto: Catherina Hess)

Auch Tobias Mros kauft mehr online als früher. Am Samstag dagegen ist er eigens aus Kitzbühel angereist. "Das sind nur eineinhalb Stunden mit dem Auto und bei uns ist ja alles zu", sagt der 48-Jährige, der auch seinen Mops Pluto mit zum Einkaufen genommen hat. In Österreich gilt aktuell ein Lockdown, der Einzelhandel ist dicht. Und weil Mros und seine Frau neue Schuhe brauchten, sind sie eben nach München gekommen. "Was soll man machen?", sagt er. Schuhe wolle er nicht im Internet bestellen.

Trotz der Flaute sieht man viele Menschen auch in Gruppen mit großen Einkaufstüten von Bekleidungsketten durch die Stadt laufen, wegen des Nieselregens eher im Eil- als im Flaniertempo. Lisa Schegg, 25, und Markus Brückner, 28, aus Erdweg im Landkreis Dachau dagegen sind entspannt unterwegs. Lisa hat sich zum Jura-Examen selbst eine Designer-Tasche geschenkt. Live-Shoppen mache mehr Spaß, sagen beide. Und dass bald die 2-G-Regel gilt, befürworten sie. "Ich finde gut, dass jetzt mehr Druck aufgebaut wird", sagt Lisa. Welche Geschenke noch auf der Einkaufsliste der beiden stehen, unterliegt selbstverständlich dem Weihnachtsgeheimnis. Später wollen sie noch am Viktualienmarkt vorbeischauen.

Vor Weihnachtszeit in der Innenstadt.

Lisa Schegg und Markus Brückner befürworten die anstehende 2-G-Regel.

(Foto: Catherina Hess)

Eine Idee, die auch vielen anderen Besuchern gekommen ist. Eine ganze Menge wetterfester Genießer hat es sich im Biergarten so gemütlich gemacht, wie es eben im Dezember geht. Vor dem Kleinen Ochsenbrater wartet die übliche Schlange. Das Café Nymphenburg Sekt ist wie jeden Samstag rappelvoll, ebenso das Eataly in der Schrannenhalle.

In der Gastronomie muss man neuerdings auch im Außenbereich einen Impfnachweis vorzeigen. Ob das im Handel auch funktioniert, wird sich zeigen, der Verein Citypartner, der die Kaufleute im Zentrum vertritt, ist da skeptisch. Dass es durchaus funktionieren kann, ist im Laden von Christine Köhne zu sehen. Die Inhaberin von "Quilt und Textilkunst" am benachbarten Sebastiansplatz verlangt die Nachweise schon seit einer Woche. Der 67-Jährigen ist es wichtig, sich selbst und ihre sechs Mitarbeiterinnen zu schützen, wie sie sagt. Die Kolleginnen sind dabei ziemlich streng. Neben dem Impfpass muss man auch seinen Personalausweis vorzeigen, mehr als drei Kunden gleichzeitig dürfen nicht in den Laden. Dass sie freiwillig auf 2 G umgestellt hat, sei bei vielen Kunden gut angekommen. "Nur einmal am Tag kommt jemand und schimpft."

Vor Weihnachtszeit in der Innenstadt.

Christine Köhne hat freiwillig verschärft: In ihrem Textilladen dürfen schon seit einer Woche nur noch Geimpfte und Genesene einkaufen.

(Foto: Catherina Hess)

Auch Köhne nutzt den Online-Verkauf und zwar via Instagram. Das komme gut an, obwohl das Anfassen beim Kauf von Stoffen eigentlich dazugehört. Seit 23 Jahren gibt es den Laden schon. Im Lockdown habe sie die Mitarbeiterinnen entlassen müssen, aber aufgegeben hat sie nicht. "Ich werde mich von diesem Virus nicht in die Knie zwingen lassen", sagt Christine Köhne.

Schräg gegenüber von Köhnes Geschäft hat das Hotel Blauer Bock wieder seine Adventskalender-Dekoration an den Fenstern. Ums Eck, vor dem Café Frischhut, stehen die Leute um Schmalznudeln an. Zumindest ein bisschen Adventsnormalität. Und auch der Handelsverband hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das Weihnachtsgeschäft doch noch in Gang kommt. Womöglich, so die Vermutung, hätten die Geimpften mit dem Shoppen ja noch gewartet.

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