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Flüchtlingsunterkunft in München:"Es gibt ein massives Bettwanzenproblem"

Die Asylunterkunft in der Hoffmannstraße in München hat ein Problem mit Bettwanzen.

Im früheren Bürogebäude an der Hofmannstraße leben derzeit mehr als 300 Menschen.

(Foto: Sebastian Gabriel)
  • Die städtische Flüchtlingsunterkunft an der Hofmannstraße hat ein Ungezieferproblem, unter dem Familien mit Kindern seit einem Jahr leiden.
  • Der ehemalige Bürokomplex sollte eigentlich schon längst geschlossen sein und viele Familien in eigenen Wohnungen untergebracht worden sein.
  • Die Stadt verweist allerdings auf den angespannten Mietmarkt in München.

Sie krabbeln über die Matratze, erst sind fünf zu sehen, dann werden es immer mehr: Bettwanzen, ein Bett voller Ungeziefer. Der junge Familienvater aus Ostafrika zeigt ohne Worte das Handyvideo mit den Tieren, die seine zwei Kleinkinder, seine Frau und ihn seit etwa einem Jahr plagen. Die Familie lebt in einer städtischen Gemeinschaftsunterkunft in der Hofmannstraße 69 mit rund 320 anderen Bewohnern. Die Stadt weiß von den Zuständen in dem Flüchtlingsheim in Obersendling. "Es gibt ein massives Bettwanzenproblem", bestätigt das für die Unterkunft zuständige Sozialreferat der Stadt.

Die Menschen, zumeist sind es Familien, leiden aber nicht nur unter den Bettwanzen, sondern auch sonst unter den Zuständen in der dezentralen Unterkunft. "Das Heim ist so schmutzig, auch die Toiletten", sagt der 25-Jährige Familienvater. Er möchte nicht namentlich in der Zeitung stehen, denn er hat Angst, dass er und seine Familie dadurch Nachteile haben. Eigentlich will er nur fort aus der verwanzten Unterkunft, endlich in eine eigene Wohnung. Die steht der Familie offiziell zwar zu, denn das Ehepaar, das vor viereinhalb Jahren über den Sudan, Libyen und Italien nach Deutschland geflohen war, hat seit drei Jahren eine Aufenthaltserlaubnis. Doch obwohl der Familienvater im Wohnungslosensystem der Stadt ist, bekommt er seit Jahren keine Wohnung.

"Uns ist bewusst, dass das Leben in großen Unterkünften für Geflüchtete auf Dauer eine Belastung darstellt, dies gilt insbesondere für Familien mit Kleinkindern", räumt das Sozialreferat ein. Man bemühe sich "nach Kräften, den vielen Betroffenen eine echte Wohnperspektive zu bieten". Doch das Sozialreferat verweist auf den angespannten Mietmarkt und die Schwierigkeit, Tausenden wohnungslosen Menschen, die Anspruch auf eine geförderte Wohnung haben, ein Appartement anzubieten.

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Einen Anspruch darauf hätte auch die Familie in der mit Ungeziefer befallenen Unterkunft. Seit Jahren lebt das Ehepaar mit den zwei Kindern in nur einem Zimmer. Wegen der Bettwanzen musste die Familie bereits etwa zehn Mal kurzfristig in einen anderen Raum umziehen, weil die von der Stadt beauftragte Fachfirma regelmäßig gegen den Wanzenbefall in den Zimmern vorgeht. Doch auch nach einer gründlichen Behandlung ist das Ungeziefer in kurzer Zeit wieder in den Räumen. Für die Familie ist das eine Tortur. Die Kinder kommen praktisch den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer, die Mutter betreut die Kleinen, während der Mann in der Schlauschule für seinen Schulabschluss lernt. Kfz- Mechatroniker will er werden, er hat auch bereits erfolgreich ein Praktikum hinter sich. Doch das Lernen in dem beengten Zimmer fällt ihm schwer. Er macht sich Sorgen um seine kleinen Kinder, die in der verwanzten Unterkunft leben müssen.

Das Gebäude an der Hofmannstraße wird erst seit 2015 als Gemeinschaftsunterkunft genutzt, eigentlich ist es als Bürokomplex konzipiert. Nach der Belegung mit Geflüchteten blieben die meisten Einbauten wie Kabelkanäle und abgehängte Zimmerdecken erhalten. "Das begünstigt die Verbreitung von Ungeziefer zwischen den Zimmern und Stockwerken und erschwert die Bekämpfung", teilt Sozialreferatssprecher Frank Boos mit. Eigentlich hätte die Unterkunft schon längst geschlossen werden sollen, weil es aber zu wenig Wohnraum in München gibt, müssen die Menschen oft jahrelang in dem alten Bürogebäude ausharren.

Die Arbeiterwohlfahrt Awo, die in der Hofmannstraße die Asylsozialberatung übernommen hat, bedauert die Zustände in der Unterkunft. "Der Befall mit Bettwanzen ist dabei natürlich ein Thema, mit dem wir täglich zu tun haben", erklärt der zuständige Fachreferent Frank Holzkämper. Gemeinsam mit dem Sozialreferat versuche die Awo "Maßnahmen zu entwickeln, um den Befall einzugrenzen und die Situation der dort lebenden und arbeitenden Menschen zu verbessern". Allerdings wäre es nach Ansicht Holzkämpers "wünschenswert, alle Menschen in kleineren und baulich besser geeigneten Unterkünften unterzubringen" und anerkannte Asylbewerber, sogenannte Statuswechsler, "in andere Wohnformen zu bringen - was aber in der angespannten Immobiliensituation in München eine sehr herausfordernde Aufgabe ist".

Deshalb verlangt das Sozialreferat nun "dringend die Unterstützung seitens Land und Bund. Das Sozialreferat fordert die Landes- und Bundesregierung außerdem auf, daneben auch die Unterbringung von Geflüchteten vor aber auch nach Erhalt des Asylstatus' ausreichend zu finanzieren". Die Stadt selbst finanziert bislang "über die gesetzlichen Verpflichtungen des Freistaates hinaus" die Asylsozialbetreuung mit neun Millionen Euro. Die Betreuer unterstützen die Menschen in den Unterkünften auch bei der Wohnungssuche und bei der Registrierung für geförderten Wohnraum.

Im Fall der Familie an der Hofmannstraße war das bislang vergeblich. Sie hat Anspruch auf eine 90-Quadratmeter-Wohnung statt des verwanzten Zimmers. Die Familie kann nur weiter hoffen. Bis dahin muss sie ihre Wäsche bei 60 Grad waschen, der Kinderwagen kommt bei Wanzenbefall für 72 Stunden in eine große Gefriertruhe - mehr kann die Stadt offenbar nicht für diese Menschen tun.