Radfahren:München fahrradfreundlich - wie geht das denn?

Die Stadt wird für ihr Bestreben ausgezeichnet, die Infrastruktur für Fahrradfahrer zu verbessern. Doch es bleibt noch viel zu tun - das müssen auch die Politiker anerkennen.

Von Thomas Anlauf

München darf sich mit dem Titel "fahrradfreundliche Kommune" schmücken. Bereits zum zweiten Mal erhält die Landeshauptstadt die Auszeichnung, die von der "Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen" (AGFK) seit 2012 alle sieben Jahre vergeben wird.

Radlerinnen und Radler, die täglich am Münchner Verkehr verzweifeln, könnten sich nun fragen, ob sie gerade richtig gelesen haben: Ja. Es geht der Bewertungskommission nicht nur darum, wie sicher und komfortabel Fahrradfahrer durch die Stadt kommen, sondern auch, ob sich die Stadt um Verbesserungen bemüht. Und die Anerkennung dafür stand bei den Juroren, die aus Experten des bayerischen Verkehrsministeriums, der AGFK und des Fahrradclubs ADFC bestehen, offensichtlich im Vordergrund.

Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) räumt daher trotz ihrer Freude über das Zertifikat ein: "Es ist uns bewusst, dass immer noch viel zu tun ist." Die Stadt müsse dem Votum gerecht werden und noch mehr Tempo machen. "Ich werde mich dafür einsetzen, dass München eine von Deutschlands fahrradfreundlichsten Kommunen wird." Auch Mobilitätsreferent Georg Dunkel wird deutlich, was Anspruch und Wirklichkeit des Münchner Radverkehrs angeht: Die Auszeichnung sei "Ansporn, als Verwaltung weiter für eine sichere und komfortable Radinfrastruktur zu arbeiten".

Keine Frage, es tut sich was auf Münchens Straßen, und wenn es viele Baustellen und viel Stau sind. Knapp zwei Dutzend Menschen - Juroren, Stadträte, Verwaltungsmitarbeiter und Bürgermeisterin Habenschaden - machen am Donnerstagnachmittag den Praxistest auf Rädern. Vom Tal rollt der Tross mit drei radelnden Polizisten als Schutz zum Isartor. An der Kreuzung des Altstadtrings drücken Autofahrer in die Zweibrückenstraße, sie blockieren die Radfurt zum Thomas-Wimmer-Ring.

Als die Testradler bei Grün vorsichtig über die verstopfte Kreuzung rollen, rauscht von links ein Taxifahrer am Stau vorbei und rammt beinahe zwei Radfahrer. Dafür schwärmt der städtische Radverkehrsexperte Florian Paul ein paar Meter hinter der lebensgefährlichen Kreuzung davon, dass hier ein Teilabschnitt des künftigen Altstadtradlrings mit knapp drei Metern Breite "sehr großzügig" ausgebaut worden sei. München setzt damit aber lediglich die Forderung eines zwei Jahre alten Bürgerbegehrens um, das der Stadtrat in vollem Umfang übernommen hat.

Der Stadtrat hat 40 Maßnahmen beschlossen, um den Forderungen des Bürgerbegehrens Radentscheid zu entsprechen

Schon um die Ecke in der Maximilianstraße wird klar, was Paul zuvor im Rathaus als "mutige Route" und "echten Großstadtdschungel" bezeichnet hat: eine schmale Radspur, die an der Isar praktisch im Nichts endet. Die drei Polizisten merken, auch hier wird es gefährlich, und sichern für die Radler die Kreuzung. Es geht nun flussaufwärts auf dem Isarradweg, vorbei an einer Fahrrad-Servicestation mit Luftpumpe, "die sogar funktioniert", wie Paul sagt. Kurz darauf halten er und das Fahrradkomitee an der Corneliusbrücke. Das sieht eigentlich ganz gut aus: Trixi-Spiegel sollen Unfälle mit Radlern verhindern, die Kreuzung ist mit roten Radspuren versehen. Der Hintergrund für die neu geschaffenen Sicherheitsmaßnahmen ist allerdings: An dieser Stelle starb 2019 ein elfjähriger Bub, nachdem er von einem Lkw erfasst worden war.

Es gilt hier innezuhalten. Denn die Stadt bemüht sich, Gefahrenstellen zu entschärfen und das Radfahren deutlich sicherer zu machen. Zwischen 2015 und 2021 wurden 100 Millionen Euro über die Nahmobilitätspauschale in den Fuß- und Radverkehr investiert. Der Stadtrat hat bereits 40 Maßnahmen beschlossen, um die Forderungen des Bürgerbegehrens Radentscheid zu entsprechen. Es geht um sichere und breite Radwege (Minimum 2,3 Meter breit), sichere Kreuzungen, ein Konzept für die Vorfahrt von Radlern in ausgewiesenen Straßen und den Ausbau von Fahrradparkplätzen in der ganzen Stadt. 13 neue Stellen wurden ausgeschrieben, die Mitarbeiter sollen sich ausschließlich um den Radverkehr kümmern. Doch die Corona-Pandemie und die angespannte Haushaltslage haben den Zeitplan zur Umsetzung des Wunschzettels verzögert.

Doch es gibt viele Baustellen in der Innenstadt, die davon zeugen, dass es vorangeht. In der Fraunhoferstraße gibt es seit 2019 breite rote Fahrradtrassen für bis zu 10 000 Radler täglich, trotzdem parken hier immer wieder Autos, halb auf dem Geh- und halb auf dem Radweg. Die Blumenstraße war bis vor Kurzem eine Strecke, die für Radler lebensgefährlich sein konnte. Nun können sie auf einem kleinen Abschnitt sicher fahren. Ein Höhepunkt der zweieinhalbstündigen Rundtour ist schließlich der Arnulfsteg, der seit vergangenem Dezember die Schwanthalerhöhe mit Neuhausen verbindet. Ganz abgeschlossen ist das 26,2 Millionen Euro teure Bauprojekt aber noch nicht: In der Landsberger Straße auf Höhe der Bergmannstraße geraten die Radler wieder einmal in eine Baustelle. Dort entsteht derzeit ein Übergang, damit Fußgänger und Radfahrer sicher die vierspurige Straße samt Trambahntrasse queren können.

Auch die Blutenburgstraße ist für Münchens obersten hauptberuflichen Radler Paul ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Straßen in der Stadt sicherer werden können. Aus einer kopfsteingepflasterten Buckelpiste ist nun eine Fahrradstraße geworden. Ein Stadtrat murmelt allerdings: "Manche Autofahrer benehmen sich hier trotzdem noch wie die Wildschweine." An diesem Nachmittag benehmen sich die Autofahrer weitgehend friedlich, was vielleicht auch an den drei radelnden Polizisten liegt, die jetzt jede Querstraße blockieren, an der die Gruppe vorbeikommt. Nur an der Ecke zur Maillingerstraße steht ein Auto mit Warnblinker auf der Straße - direkt auf der großen Bodenmarkierung für die Fahrradstraße.

Am Odeonsplatz hält der Fahrradkorso ein letztes Mal, bevor es zurück ins Rathaus zur Verkündung über die Fahrradfreundlichkeit Münchens kommt. Martin Singer vom Bayerischen Verkehrsministerium ist nicht ganz glücklich mit dem derzeitigen Routenwirrwarr für Radler und Fußgänger am Eingang zum Hofgarten. Da solle man nachbessern, fordert er als Mitglied der Gutachterkommission. Auch beim Bau der Radschnellwege ins Münchner Umland mahnt Singer mehr Tempo an, auch wenn er einräumt: "Da gibt es natürlich viele Dinge zu berücksichtigen - vom Umweltschutz bis hin zu Anwohnern." Paul nickt, sagt: "Wir haben noch viele Baustellen", und radelt weiter.

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