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Typisch deutsch:Was für ein Lottoleben

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In München stolpert man dauernd über Lotto-Annahmestellen, Sportwetten, Spielautomaten und all die anderen, die Jackpots versprechen.

(Foto: dpa)

In der nigerianischen Heimat unseres Autoren gilt Glücksspiel als Wegweiser für rücksichtslose, unverantwortliche Menschen. In München musste er sich erst daran gewöhnen, überall auf Spielhallen zu stoßen.

Kolumne von Olaleye Akintola

Ein Pärchen im Lotto-Laden. Sie halten Händchen, lächeln sich an und füllen einen Schein aus. Oh Gott des Glücksspiels! Wären Sie diesmal so freundlich, uns den Jackpot zu knacken? Wir wollen nicht zu fordernd sein. Eine zweiwöchige Urlaubsreise auf die Bahamas mit Yacht würde schon reichen. Oder eine Erweiterung unserer Fahrzeugflotte. Dies und vieles mehr müssen die stillen Gebete gewesen sein, die sie murmelten, als sie ihre Eintrittskarten zum Glück in die Kiste fallen ließen. Vielleicht hat ihnen am Ende des Tages das Schicksal zugelächelt, wer weiß?

Es gibt unzählige Wettbüros in den Städten, sogar an Tankstellen und in Kneipen kann an Automaten gespielt werden. Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie das für hart gesottene Glücksspieler sein muss. So sind sie stets in Bereitschaft, jeden Moment zu nutzen, der sich ihnen bietet. Der Gedanke, dass der Durchbruch kommt, wird unaufhörlich genährt. Weiter, immer weiter. Sogar angesehene Spitzensportler werben dafür, Geld für Wetten auszugeben. Einstige Vorbilder, die große Pokale in die Luft stemmten.

Für mich waren Glücksspielläden immer wie Agenturen des Teufels, von denen man sich fern hält, so gut es geht. Doch in Bayern ist die Distanzierung schwierig. Das Glücksspiel ist nur mehr einen Klick entfernt. Im Netz und im TV ist Glücksspiel akzeptiert, das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigt Prominente, die uns für die Verwandlungskraft des Lotto-Spiels begeistern sollen.

Ich frage mich seit Jahren, wie man den Nexus zwischen der Moral und dem Nutzen von Glücksspiel findet. Welche Rechtfertigung gibt es dafür, hart erarbeitetes Geld in ein Abflussrohr zu stecken, das kaum Gewinne abwirft? Wie schafft man es, sich diesem für nicht wenige Menschen unwiderstehlichen Reiz zu entziehen?

In Nigeria gilt Glücksspiel als Wegweiser für rücksichtslose, unverantwortliche Menschen, ob reich oder arm. In München stolpere ich nun täglich über Lotto-Annahmestellen, Sportwetten, Spielautomaten und all die anderen, die Jackpots versprechen. Es ist ein psychologisches Miasma, weil ich stets im Hinterkopf habe, dass die magnetische Kraft des vermeintlichen Glücks es vermag, selbst den kräftigsten Fisch in sein Netz zu ziehen, sei es in Lagos, Nigeria, oder in München, Deutschland.

Warum erlaubt das Land diese Gefahr? Es verhält sich fast so, als würde ein Wirtshausbesucher, der sich voll gegessen hat, nach einer Nadel suchen, die seinen dicken Bauch platzen lässt.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

© SZ vom 09.10.2020
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