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Kolumne: Typisch deutsch:Putzen bringt Durchblick

Wer Fenster oder Dach säubert, kann jede Menge erfahren.

(Foto: Catherina Hess)

In Syrien kommen viele Fenster ohne Glas aus. Zwar weht der Sand schnell hinein, doch unser Autor musste sie immerhin nicht reinigen. Hier in Bayern sieht der Frühjahrsputz anders aus - auch was Dächer und Nachbarn betrifft.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Es ist das vielleicht markanteste Unterscheidungsmerkmal für süddeutsche und nordsyrische Häuser: das Dach. Interessant ist, dass mir das lange kaum auffiel, weil man sich oft schnell an etwas gewöhnt. Nun aber kam der Tag, da ich das Dach meiner Behausung aus einer neuen Perspektive kennenlernte: Ich bin mir - im Sinn des Wortes - selbst aufs Dach gestiegen.

Als ich an einem Gurt gesichert hinauf kletterte, tat ich das aus Gründen der Reinlichkeit. Ich wollte dem Konglomerat über meiner Wohnung Herr werden: abgestorbene Pflanzenteile, Sand, Mist von Vögeln, Moos und Schmutz, dazwischen allerlei krabbelndes Kriechvolk. Nur: Wie verrichtet man einen Frühjahrsputz bei derartiger Schieflage?

In Syrien hatte ich den Vorteil, dass bei der Reinigung des Daches kein Seil von Nöten war. Dort ist das Dach bei fast allen Häusern eine ebene Fläche ohne Giebel und Ziegel. Da es aber in meiner früheren Heimatstadt Raqqa sehr staubig ist, waren wir es gewohnt, das Dach im Frühjahr mit Wasser und Spülmittel zu reinigen, damit wir dort in den warmen Sommernächten übernachten konnten.

Nun ist es auch Frühling in Bayern. Und ich versuche, mich vom Flachdach-Schrubber zum Schindel-Kraxler zu entwickeln. Als ich in den vergangenen Tagen so auf dem Dach arbeitete, sahen mich die vorbeigehenden Leute, grüßten mich und fingen eine Unterhaltung an. Es war ein gesellschaftliches Ereignis: Für mich war es zudem doppelt schwer, denn einerseits musste ich mich konzentrieren, um nicht hinzufallen, andererseits verstand ich auf die Entfernung nicht jede dialektalische Feinheit ad hoc.

In den Tagen der Terrorherrschaft des IS in Syrien hatte die Reinigung des Daches eine zweite wertvolle Funktion: Ich konnte etwa meine Nachbarin nicht einfach so in der Öffentlichkeit sehen und mit ihr sprechen. Männer durften nicht grundlos mit Frauen reden. Wir brauchten also einen Vorwand, und da kam die Säuberung des Dachs sehr gelegen.

Hier in Bayern erfordert die Architektur es, dass man mit seinen Nachbarn spricht und sich Tipps holt. Etwa wie man mit Seil und Schindeldecke eine Art Dreiecksbeziehung eingeht. Dass man sich nicht allein auf das Seil verlassen sollte und möglichst nicht stolpert. Mit der Zeit steigert das die Trittfestigkeit - und man kann den guten Ausblick vom Dachsims auf die Berge zunehmend genießen.

So schön der Ausblick ist, so weh tun mir nun die Beine. Dem wurde abgeholfen. In meinem Fall sah dies so aus, dass ich nun zwar nicht mehr auf einem Dach herumsteigen musste - dafür betätigte ich mich in Handarbeit: Fenster putzen und Rahmen streichen. Beim Streichen bin ich geübt, bringe ich schließlich jahrzehntelange Erfahrung im Auftragen von Öl am Holzrahmen mit. Neu war für mich hier die Rückführung eines Fensters zu seiner Durchsichtigkeit. Die Arbeit mit einem Glasreiniger war mir in Syrien erspart geblieben - da die Fenster bei uns zu Hause nie Glas hatten. Das hatte den Nachteil, dass man voller Sand war, wenn der Wind ging - dafür blieben einem die Schwielen an den Händen erspart.

© SZ vom 14.05.2021/mmo
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