Typisch deutsch:Der Kreis der Kugeln

Lesezeit: 1 min

Boule-Spieler in München, 2018

Von wegen geschlossene Gesellschaft: Mitspielen kann jeder.

(Foto: Robert Haas)

Unser Autor ist fasziniert von der Kraft des Boccia-Spiels im Münchner Hofgarten. Alter, Körperbau, Geld, Herkunft, Geschlecht - spielt alles keine Rolle.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Im Münchner Hofgarten sehe ich immer wieder Leute, die mit kleinen Bällen spielen. Sie tragen Kugeln, einen Maßstab und eine Magnetkugel am Schnürchen mit sich. Ich dachte immer, es handelt sich um einen eingeschworenen Kreis älterer Herrschaften. Ob andere Menschen vorbeigehen, ob der Wind pfeift, ob nebenan Markus Söder spricht, es interessiert sie nicht. Eine geschlossene Gesellschaft, dachte ich viele Jahre, wenn ich vorbeiging oder dastand und zusah. Ich hatte mich jahrelang getäuscht.

Es war ein bisschen wie früher als Kind, wenn man sich nicht traut zu fragen, ob man mitspielen darf. Unser Kugelspiel hieß Kalal: Die Kugel ist klein wie ein Olivenkern, man wirft sie möglich genau an ein sieben Meter entferntes Loch. Wer hinein trifft, hat die Runde gewonnen und nimmt von jedem Mitspieler eine Kugel. Wer am Ende alle Kugeln hat, ist der Sieger. Die syrischen Lehrer mögen dieses Spiel nicht, da es die Schüler vom Lernen abhält; also versteckten wir die Kugeln, wenn ein Lehrer in Sichtweite war.

Irgendwann ist der Reiz des Spiels so groß, dass man sich überwindet und nachfragt. Im Hofgarten hatte ich Sekunden später eine Boccia-Kugel in der Hand und machte den ersten Wurf. Die Regeln sind simpel. Man muss mit Kugeln einer kleinen Zielkugel, dem Cochonnet, möglichst nahekommen. Ein Anfängerfehler ist zu vermeiden: beim Wurf ein Bein zu heben.

Ich bin ein durchaus brauchbarer Boccia-Spieler. Gestählt durch die Vorbereitung im syrischen Gefängnis. Dort nehmen die Häftlinge in der Zelle eine Olivenölglasflasche als Ziel und werfen mit in Socken eingewickelten Kartoffeln darauf.

Das sympathische am Boccia-Spiel ist, dass man in mehrfacher Hinsicht frei ist. Jeder Mensch, der eine Kugel werfen kann, kann spielen und gewinnen. Zur Pause gibt es Tee, Wasser oder Bier. Alter, Körperbau, Geld, Herkunft, Geschlecht - spielt alles keine Rolle. In Syrien wurde das kleine Loch, das als Ziel für die Kugeln diente, durch Bombensplitter zu einer großen Grube mit Toten und Verletzten. Im Hofgarten stehe ich nun zwischen im Spiel versunkenen Rentnern und Kindern - und wenn die Kugel rollt, hat die Gaudi kein Loch.

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