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Solln:Wirklichkeitsfremd

Sonderpädagogisches Förderzentrum Süd an der Allescherstraße in Solln

Verkehrsdruck: Wenn viele Schüler mit dem Auto zum Förderzentrum gebracht und von dort abgeholt werden, befürchten Nachbarn ein Chaos.

(Foto: Florian Peljak)

Am Sonderpädagogischen Förderzentrum Süd sollen statt 50 Schülern künftig mehr als 500 unterrichtet werden. Lokalpolitiker und Anwohner haben erhebliche Zweifel am Verkehrskonzept

Von Jürgen Wolfram, Solln

Führt Benno Flaig sich die Ausbaupläne für das Sonderpädagogische Förderzentrum Süd (SFZ) vor Augen, fällt ihm ein starker Vergleich ein. "Gebäude wie am Flughafen", dazu sieht er seine ruhige Wohngegend rund um die Allescherstraße mutieren. Mehr noch als den Eingriff in den Ortscharakter fürchten Anwohner-Sprecher Flaig und seine Nachbarn ein heilloses Verkehrschaos, wenn die schulische Einrichtung massiv ausgebaut wird, wie von der Stadt vorgesehen. Zweifel, die der Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln weitgehend teilt. In ihrer jüngsten Sitzung, die aus Gründen des Gesundheitsschutzes in Ferienausschuss-Besetzung abgehalten wurde, verabschiedete die Stadtteilvertretung deshalb einstimmig einen Fragenkatalog, der dem Referat für Bildung und Sport vorgelegt werden soll. Die Liste ist als Antwort auf ein nachgereichtes Verkehrskonzept zur Förderschul-Planung zu verstehen, das der BA wiederholt angefordert hatte. Erst wenn die Stadt auf die neuerlichen Fragen eingeht, will der BA endgültig zu dem Vorhaben Stellung beziehen.

Nach Ansicht des Sprechers des BA-Unterausschusses Verkehr, Reinhold Wirthl (CSU), sind die Vorstellungen der Stadtverwaltung wirklichkeitsfremd. Dieser schwebt etwa vor, den absehbaren Verkehrsdruck auf die Allescherstraße, im betreffenden Bereich eine Sackgasse, von vornherein in die Becker-Gundahl-Straße umzuleiten. Dort seien zwei Dutzend Stellplätze denkbar, auf denen die Eltern der Schülerinnen und Schüler parken könnten, um ihre Kinder von dort zu Fuß zur Schule zu bringen. "Das macht doch keiner; die Leute fahren erfahrungsgemäß direkt bis vor den Eingang", glaubt Wirthl. Dann wäre die Allescherstraße zu gewissen Zeiten tatsächlich verstopft, wie die Anwohner es befürchten. Für ähnlich illusorisch halten Wirthl und andere BA-Mitglieder die Annahme, die Schüler könnten in nennenswerter Zahl mit der S-Bahn oder der U-Bahn zum Unterricht kommen und einen Kilometer oder mehr von den Bahnhöfen Solln und Aidenbachstraße dorthin laufen.

Fest steht, dass die Förderschule der Zukunft baulich alle Maßstäbe sprengt, die bisher in der Wohngegend um die Allescherstraße galten. Allein die Schülerzahl soll von 50 auf mehr als 500 anwachsen. Geplant sind 24 Förderklassen, drei Gruppen einer schulvorbereitenden Einrichtung sowie ein Haus für Kinder. "Wegen dieser Dimensionen sind wir besorgt, damit haben wir ein Problem", hatte unlängst Barbara Flaig dem Bezirksausschuss vorgetragen und um einen "konstruktiven Dialog" gebeten. Wiederholt betonten die Flaigs und Nicola Kremer, eine andere Anwohner-Sprecherin, dass sie und ihre Nachbarn nicht grundsätzlich gegen sonderpädagogische Einrichtungen seien, deren Notwendigkeit vielmehr anerkennen.

Das ändere aber nichts an den Einwänden wegen der Verkehrsproblematik. In einem Papier mit "Anmerkungen" zum Thema fragen die Anwohner nicht zuletzt, wie Rettungswagen durch ihre enge Sackgasse kommen sollen, wenn diese dicht zugeparkt sei. Ähnlich skeptisch wie Reinhold Wirthl beurteilen sie den Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel im Zusammenhang mit dem Sonderpädagogischen Förderzentrum. Die Bushaltestelle Marienstern sei 700 Meter entfernt, der S-Bahnhof Solln etwa einen Kilometer, die U-Bahn-Station Aidenbachstraße sogar 1,5 Kilometer. "Wir realistisch ist es da noch, dass Lehrer, Erzieher, Schüler und Kindergartenkinder mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen oder gebracht werden?", fragt Nicola Kremer.

Im Herbst haben die Leute aus der Allescherstraße und deren Umgebung eine "kleine Verkehrszählung" vorgenommen. Zwischen 7 und 9 Uhr morgens steuerten danach sieben Kleinbusse, zwei Taxen, 34 Pkw und mehr als 30 Fußgänger und Radfahrer die Einrichtungen des Förderzentrums an. Auf dem Schulgelände allein sollen täglich um die 25 Pkw parken. Aktuell würden die 50 Kinder der Förderschule mit sieben Kleinbussen und zwei Taxen aufs Schulgelände gebracht oder von dort abgeholt. Schon bei 380 Schulkindern im SFZ wären das mehr als 60 Kleinbusse, die jeden Tag zweimal durch die Sackgasse an- und abfahren, rechnet Kremer vor.

Einen Ausweg aus dem Dilemma sehen die Anwohner "bei einem Projekt dieser Größenordnung" nicht, jedenfalls nicht in unmittelbarer Nähe des bestehenden Förderzentrums, das in einem Landschaftsschutzgebiet liegt. Vielleicht sollte man das künftige Ensemble eher im Zusammenhang mit der Neuplanung des Siemens-Sportparks betrachten, schlägt Benno Flaig vor: "Am jetzt vorgesehenen Standort passt es jedenfalls nicht. Es ist nicht anwohnergerecht."

Das Sonderpädagogische Förderzentrum Süd besteht seit August 2010. Es entstand aus dem Zusammenschluss der früheren Schule zur Lernförderung an der Boschetsrieder Straße und der ehemaligen Schule zur Sprachförderung an der Stielerstraße. In überschaubar großen Lerngruppen von zwölf bis 14 Schülerinnen und Schülern betreut das Zentrum Kinder mit erhöhtem sonder- und heilpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Sprache, Lernen und/oder sozial-emotionale Entwicklung. Unterstützt wird das SFZ Süd durch einen Förderverein.

© SZ vom 12.05.2020

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