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Lärm und Staub:Obststand trotzt Großbaustelle

Auch wenn es daneben lärmt und staubt: Regina Mannseicher steht weiterhin täglich an ihrem Obst- und Gemüsestand.

(Foto: Stephan Rumpf)

Gegen eine Schließung des Verkaufs laufen der Sendlinger Bezirks­ausschuss und die Stammkunden Sturm

Von Karl Forster

Ist es wie damals bei David gegen Goliath? Ist es der ewige Streit unter dem Titel "Ihr da oben, wir da unten"? Oder ist es einfach bairische Sturheit, festgezurrt in dem Satz: "Da könnt' ja jeder kommen!" Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Denn wenn Regina Mannseicher erzählt, warum sie ihren Obst- und Gemüsestand an der Ecke Alram-/Aberlestraße immer noch betreibt, muss sie gegen den Lärm von Monstermaschinen und riesigen Lastwägen voller Schutterde anschreien. Hier der kleine Verkaufsstand mit ein paar Blumen davor, und in nicht mal drei Meter Abstand eine Großbaustelle, in die mehr als ein halbes Fußballfeld hineinpassen würde. "Ja, i bin immer noch da", sagt sie laut. Und es schwingt ein bisschen Stolz mit in dem Satz.

Als Regina und Karlheinz Mannseicher, 50 und 52 Jahre alt und gebürtige Münchner, 2010 den Stand im Zentrum von Untersendling übernahmen, es ist einer der ältesten der Stadt, ging ein Traum in Erfüllung, der gar nicht so alt war. Sie, gelernte Bäckereifachverkäuferin, er Heizungsbauer, zwar schon familiär mit dem Standl-Virus infiltriert, war man aber vom Sprung in die unternehmerische Selbstständigkeit eigentlich weit entfernt. Doch mit der Chance kam die Lust. Und so genoss man nun bei Sonne, Wind und Wetter direkt gegenüber vom Eingang zu einem riesigen Discounter, eine recht symbiotische Situation: Viele Kunden kauften in dem Großladen Alltägliches von Abschminkwatte bis Zahnpasta und deckten sich draußen am Stand ein mit köstlich Frischem von Ananas bis Zitronen.

Doch war bald klar, dass das große Geviert des Discounters samt Parkplatz mitten in der Stadt mit prächtigster Bewohnerstruktur auf der Wunschliste sogenannter "Entwickler" ganz obern stand. Schon im Jahr 2015 verdichteten sich die Gerüchte um Abriss und Neubau, und Anfang 2020 rückten Abrissbirnen und Tiefbaugerätschaften von monströser Gigantenhaftigkeit an. Was würde mit Reginas Stand passieren?

Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) wollte, womöglich in Sorge, die Standl-Kunden könnten sich eine Staublunge holen, den Stand schließen. Doch der Sendlinger Bezirksausschuss tobte, Ernst Dill, Sprecher der SPD-Fraktion, wohnt schließlich gleich ums Eck. Und vor allem waren und sind die Stammkunden "brutal solidarisch". So trotzt die Obstkönigin Regina allem Dreck und Lärm, während direkt vor ihrer Nase auf knapp 5000 Quadratmeter ein S-förmiger Klotz von für München typischer Einfallslosigkeit entsteht mit Quadratmeterpreisen im fünfstelligen Bereich und dem protzigen Understatement-Titel "Alram 14". Ein echter Gentrifizierungs-Wumms im Genossenschaftsviertel.

Wenn Karlheinz und Regina Mannseicher die Schnauze voll haben von der Großbaustelle, fahren sie einfach an den Waginger See zu ihrem Wohnwagen und atmen frische Voralpenlandluft. Und sammeln Kraft für die Zeit bis zur Fertigstellung ihres Gegenüber anno 2022. Dann, da sind sie sicher, zieht hier auch neue Kundschaft ein.

© SZ vom 06.07.2020

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