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Leben ohne Plastik:Gar nicht so ohne

Inhaberin Hannah Sartin (links) erklärt den interessierten Seniorinnen das Konzept ihres Ladens.

Inhaberin Hannah Sartin (links) klärt die Besucherinnen über das breite Sortiment ihres Ladens auf. Diese sind erkennbar angetan.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für junge Leute ist ein plastikfreies Leben ein ganz großes Thema. Auch Senioren ist die Müllvermeidung trotz der Tücken im Alltag ein Anliegen, wie sich beim Ausflug in den Maxvorstädter Tante-Emma-Laden 2.0 zeigt.

"Was müssen wir an Weihnachten auch Erdbeeren und Brombeeren haben." Das merkt kritisch eine ältere Dame an, die sich mit anderen Teilnehmern zu einer Veranstaltung des Alten-und Service-Zentrums (ASZ) Schwabing-West aufmacht. Dabei fliege doch nur das Plastik durch die Welt, und die Natur werde ausgebeutet. Sie selbst pflanze ihre Tomaten und Paprika lieber regional und nach den Jahreszeiten auf dem hauseigenen Balkon an.

Der Ruf nach weniger Plastik, Verpackungen und einem allgemein nachhaltigeren Lebensstil ist zwar nicht unbedingt neu, trotzdem ist es immer noch sehr mühsam, sich beim Einkaufen korrekt zu verhalten. Denn das wird selbst dem willigen Kunden schwer gemacht. Zugleich darauf zu achten, den Beutel nicht zu Hause zu vergessen, lieber lose Tomaten als die in der Plastikverpackung zu kaufen und Nüsse zu finden, die nicht verpackt sind, zerrt an den Nerven. Und ein komplettes Umkrempeln des Alltags geht auch nicht von heute auf morgen.

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Wie also kann man einen Spagat finden? Dem will das ASZ-Team, das momentan in seinem Programm den Themenschwerpunkt auf Nachhaltigkeit legt, nachgehen und mit neuen Themen das Interesse der Senioren im Stadtteil für Themen wie Umweltbewusstsein, Ernährung und Müllvermeidung fördern. Wie also könnte ein Alltag ohne beziehungsweise mit weniger Plastik aussehen? Der Ausflug führt die siebenköpfige Gruppe zu einer Adresse mitten in der Maxvorstadt: "Ohne - der verpackungsfreie Supermarkt". An der Schellingstraße 42 hat Hannah Sartin im Februar 2016 ihr "Tante-Emma-Laden 2.0" genanntes Geschäft eröffnet. Dort wird von Lebensmitteln über Bücher und Allgemeines bis hin zu Haushaltsmitteln eine große Bandbreite angeboten, damit man seinen Alltag stückchenweise verpackungsfreier gestalten kann. Das Ladenkonzept, das sich damals zum Teil über Crowdfunding finanziert hat, läuft mittlerweile so gut, dass im Januar eine zweite Filiale in Haidhausen eröffnet hat.

Das Prinzip ist einfach: Die Kunden bringen ihren eigenen Beutel oder Behälter mit, füllen das ab, was sie brauchen, bezahlen an der Kasse und gehen wieder - im Idealfall, ohne Müll verursacht zu haben. Die Besucher, die an dem Ausflug des ASZ teilnehmen, sind jedenfalls von dem Angebot ganz fasziniert: festes Shampoo, kompostierbare Zahnbürsten und umweltschonende Alternativen zum herkömmlichen Prittstift, bei "Ohne" findet sich für viele Alltagsgegenstände das umweltschonendere Pendant. Und tolle Geschenkideen, wie eine Dame bemerkt. Da dauert es nicht lange, bis sie mit einer Wasch-Bürste an der Kasse steht.

Ganz neu ist das Konzept ja nicht. "Früher hat es das ja auch schon mit dem verpackungsfreien Einkaufen gegeben", bemerkt Christian Biller, Mitarbeiter des ASZ, der die Veranstaltung organisiert hat. Die Teilnehmer nicken. "Wir haben früher noch unser Bier in der Milchkanne in der Wirtschaft abfüllen lassen", wirft eine Teilnehmerin ein.

"Dies sollte kein Ort werden, an dem Plastik per se verteufelt wird"

Hannah Sartin erzählt, dass es immer der Wunsch gewesen, bei "Ohne" alle Gruppen mit an Bord zu haben - ob Studenten, junge Familien oder ältere Herrschaften, die allein leben und die Vorzüge der kleinen Mengen genießen. Dem können sich die Senioren nur anschließen. Es tue einem schließlich in der Seele weh, wenn etwas vergammle.

Bei "Ohne" soll möglichst undogmatisch an die Sache herangegangen werden. "Dies sollte kein Ort werden, an dem Plastik per se verteufelt wird und wir mit erhobenem Zeigefinger stehen, sondern jedem die Möglichkeit bieten, es zu testen."

Während Hannah Sartin weitererzählt, schweift die Aufmerksamkeit einiger Teilnehmer ab. An der Kasse steht eine Mutter mit ihrem Kind. "Da kauft schon der Nachwuchs ein", bemerkt jemand. Die Aufklärungsarbeit an Schulen sei entscheidend, da sind sich alle einig. Kinder seien als die "Konsumenten der Zukunft" wahnsinnig empfänglich für das Thema Umwelt, sehr interessiert und motiviert, erzählt Sartin.

Ihr wichtigster Tipp für den Alltag ist einfach: sich vor jeder Kaufentscheidung, egal, in welchem Bereich man sich dabei bewege, informieren und sich fragen: Brauche ich das wirklich? Und wenn ja, gibt es keine alternative Quelle, aus der ich das beziehen kann? "Es geht hier nicht um Perfektion, sondern darum, dass jeder tut, was er kann. Dann ist schon viel gewonnen."

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