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Schwabing:Der Gesang der Pflanzen

Emanuel Mooner bei Kunstaktion in München, 2019

Die Grenzen der Wahrnehmung ausloten: Emanuel Mooner 2019 vor einer verlassenen Stadtvilla in Freimann, die er hörbar gemacht hat.

(Foto: Stephan Rumpf)

Besäße der Mensch die Gabe, Pflanzen zu hören, würde ihm ihr Schreien womöglich das Trommelfell zerfetzen. Oder aber er wäre ein anderer, weil er auf ihren Gesang, ihr Flüstern gar nicht verzichten könnte. Emanuel Mooner lässt Pflanzen singen und malen, indem er ihre Fotosynthese hörbar und sichtbar macht. Noch bis Sonntag, 7. Juni, geschieht dieses spannende Kunstexperiment, das Mooner "Wandlungen" betitelt hat, immer von 13 bis 18 Uhr in der ehemaligen Reithalle an der Heßstraße 132. Mooner ist ein geduldiger Zuhörer, Nachspürer, der Wahrnehmung ganz weit denkt. Bereits 2019 experimentierte der Münchner Künstler mit Klängen von Bäumen, für sein prämiertes Projekt "Songs of the Siren" hat er die Atmosphäre von leerstehenden Gebäuden in der Stadt akustisch eingefangen. Nun widmet sich Mooner einmal mehr dem Mikrokosmos: Mittels elektrischen Stroms will er Pflanzen als Lebewesen erfahrbar machen; sie reagieren, haben einen Stoffwechsel, ihre Töne verändern sich über den Tag und folgen bestimmten Prinzipien. "Es erzeugt eine Schrecksekunde, wenn man die Pflanze zum ersten Mal hört. Wir sind es gewohnt, Tieren ihre Emotionen abzuerkennen, aber noch mehr sind wir darauf konditioniert, Pflanzen keine Kommunikationsfähigkeit zu zugestehen", erklärt der Künstler, der auch Musiker ist. Es sei unangenehm und aufregend zugleich, beschreibt er, plötzlich mit einem pflanzlichen Gegenüber konfrontiert zu sein. Der Eintritt zu seiner akustischen Installation in der Reithalle ist frei, für jede Spezies, wie er betont. Besucher könnten also auch ihrer Zimmerpflanze einen Ausstellungsbesuch gönnen.

© SZ vom 06.06.2020 / czg

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