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Münchner Schuldneratlas:Wohnen als Armutsrisiko

Amt für Wohnen und Migration, Franziskanerstraße 6-8

Das städtische Wohnungsamt in der Franziskanerstraße 8 ist die Anlaufstelle für alle, die eine Sozialwohnung in München suchen.

(Foto: Florian Peljak)

Schon vor Corona waren die hohen Mieten in München eine zu große Belastung für viele - seit Juli hat sich die Lage weiter verschärft. Eine Umfrage soll nun Aufschlüsse über die genaue Lage der Betroffenen geben.

Von Sven Loerzer

Seit Juli steigen in München die Zahlen bei Anträgen auf Sozialwohnungen und Wohngeld erheblich. Eine Folge auch der Corona-Pandemie: Viele Menschen sind in Kurzarbeit, arbeitslos oder können wegen der Beschränkungen ihre selbständige Tätigkeit derzeit nicht ausüben, die Einkommenseinbußen bringen die Betroffenen in Bedrängnis. Dabei seien "Gering- und Normalverdiener, die in der Regel über weniger große finanzielle Reserven verfügen, zum Teil deutlich stärker betroffen als Gutverdiener", heißt es im vor Kurzem veröffentlichten Schuldneratlas Deutschland 2020.

Vor allem in einkommensschwachen Haushalten breche derzeit ein erheblicher Teil der verfügbaren Einkommen weg. Genaueren Aufschluss über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die wirtschaftliche und soziale Lage der Münchner Haushalte soll eine repräsentative Umfrage des unabhängigen Marktforschungsinstitut Innofact AG bringen, deren Ergebnis Creditreform München mit dem neuen Münchner Schuldneratlas im Februar vorlegen will.

Zusätzliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen auf das Einkommen, auf Konsumverhalten und Sparbereitschaft soll eine Online-Umfrage in Kooperation mit der SZ bei Münchner Leserinnen und Lesern bringen. Rainer Bovelet vom Büro Synergie 2, der die Daten auswertet, will damit ein genaueres Bild der Entwicklung in München gewinnen. Bundesweit hat die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr noch nicht zu einem Anstieg der Überschuldung geführt, die Überschuldung der Verbraucher hat 2020 sogar leicht abgenommen. "Der vermeintlich positive Befund ist allerdings kein Zeichen der Entspannung", warnt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Zum einen hätten die staatlichen Hilfen die schlimmsten sozialen Auswirkungen abgemildert. Der Schuldneratlas Deutschland von Creditreform sieht aber auch Konsumverzicht, Konsumzurückhaltung und ganz allgemein Ausgabenvorsicht als Grund. Und nicht zuletzt den Lockdown: Wegen geschlossener Geschäfte und Restaurants sei weniger Geld ausgegeben worden, zudem fiel der Urlaub aus oder fand nur in kleinerem Rahmen statt. Hantzsch betont jedoch: "Ein Ende der gesundheitspolitischen und ökonomischen Krisenlage ist angesichts des steigenden Infektionsgeschehens nicht absehbar." Die Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Verbraucher seien gravierender als die der Weltfinanzkrise 2008/2009, prophezeit Hantzsch.

In München als Metropole mit hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten drohe "bei Eintritt unvorhersehbarer Ereignisse schnell die Überschuldung", machte schon der von Creditreform München vorgelegte Schuldneratlas München 2019 deutlich. Gerade die Wohn- und Mietkosten seien in den letzten Jahren besonders stark angestiegen. Innerhalb von acht Jahren seien die Wohnungsmieten je Quadratmeter im Schnitt um 68 Prozent und die Kaufpreise für Wohnungen und Häuser um 98 Prozent gestiegen. "Steigende Wohnkosten, auch verstärkt durch den Trend zur Vermietung von möblierten Wohnungen und durch steigende Wohnnebenkosten, sind immer mehr zum mittelbaren oder sekundären Überschuldungsauslöser geworden", beschreibt der Schuldneratlas die Entwicklung schon vor der Pandemie.

Dass trotz damals stabiler Konjunktur und einer sehr geringen Arbeitslosenquote auch die mittleren Schichten von Überschuldung betroffen sind, führte Sozialreferentin Dorothee Schiwy "vor allem auf die Preisexplosion bei den Mieten wie auch die hohen Lebenshaltungskosten in unserer Stadt" zurück. "Der Schuldneratlas zeigt, dass Wohnen zunehmend zum Überschuldungs- und Armutsrisiko wird."

Dauerhaftes Niedrigeinkommen als Auslöser von Überschuldung habe in den letzten Jahren merklich zugenommen, es lasse keine Rücklagenbildung zu, um besondere finanzielle Aufwendungen abzudecken, heißt es im Schuldneratlas. Bei Mietschulden droht sehr schnell der Wohnungsverlust, weshalb das Sozialreferat an Betroffene appelliert, sofort die städtischen Beratungsangebote zu nutzen. Der Verlust der Wohnung müsse unbedingt verhindert werden, betont die städtische Schuldnerberatung. Es sei "äußerst schwierig, bei einem geringen bis mittleren Einkommen oder in einer wirtschaftlichen Notlage eine bezahlbare Wohnung in München neu anzumieten".

Wer an der Umfrage teilnehmen will, sollte mindestens 18 Jahre alt sein und in der Stadt München wohnen. Alle Angaben werden vertraulich behandelt und anonymisiert ausgewertet. Rückschlüsse auf die Teilnehmer sind ausgeschlossen. Die Teilnahme an der Umfrage ist bis einschließlich Freitag, 22. Januar, möglich unter https://www.innofact-umfrage3.de/corona_umfrage_muenchen.

© SZ vom 13.01.2021/lfr/van
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